Warum die Giraffe nicht
vergeblich zur Krippe kam
Andächtigen Sinnes schauten die Tiere in den schwach
erleuchteten Stall zum Kind in der Krippe.
Kaum wahrgenommen von ihnen, nahte langsamen
Schrittes ein Tier ungewöhnlichen Ausmaßes. Seine Beine waren außerordentlich
lang, der Hals viel länger, als dies üblich ist bei Tieren anderer Art. Ganz
oben in luftiger Höhe befand sich ein zur Größe des Tieres relativ kleiner
Kopf. Es war eine Giraffe. Bedächtig oder sagen wir besser schleppend war ihr
Gang. Man glaubte zu spüren, dass irgendetwas sie außergewöhnlich belastet.
Und diese Annahme trog nicht. Ihr Kind hatte sie verloren,
ihr Kind, dem sie ihre ganze Liebe geschenkt hatte. Dieses große Leid trug sie
in ihrem Herzen. Oft musste sie weinen auf dem Wege zur Krippe. Das Weh ihrer
Seele war so schlimm, dass sie das Gefühl hatte, ihr ganzer Körper sei von
diesem Schmerz erfasst. Selbst die Beine wollten nicht mehr so leicht und
locker laufen. So ging es recht langsam voran. Dennoch ließ sie nicht nach.
Schritt für Schritt näherte sie sich dem Stall.
Hier stellte sich jedoch heraus, dass es für ein
Tier dieser Größe einfach unmöglich war, den Stall zu betreten. So stand sie
enttäuscht vor der Tür und konnte nur von oben auf das Dach des Stalles
schauen. Dennoch kam kein Klagen oder gar Jammern über ihre Lippen. Das große
Leid hatte ihren Mund verstummen lassen. Nur unsagbar traurig war sie, die
Giraffe. Wie gern hätte sie jetzt dem Christuskind ihren Schmerz anvertraut. Da
ihr dies nun unmöglich schien, meinte sie, ihr ganzer Weg sei vergeblich
gewesen.
Doch plötzlich bewegte sich auf dem Dach ganz
langsam etwas Stroh und rutschte ein kleines Stück zur Seite. Niemand wusste zu
sagen, ob dies auf den leichten Wind zurückzuführen war, der sich gerade
erhoben hatte, oder ob einer der kleineren Engel, die sich geschäftig um den
Stall bewegten und für das himmlische Musizieren zu sorgen hatten, seine Hand
im Spiel hatte. Jedenfalls war unversehens der Blick ins Innere des Stalles
frei geworden. Das Tier, das draußen in der Dunkelheit bleiben musste, konnte
nun doch das Kind in der Krippe schauen. Jetzt erst war es am Ziel seines
langen Weges angelangt. Stumm blickten sie sich an. Nun befand sich nichts
Trennendes mehr zwischen ihnen. Da empfing dieses von großem Leid geplagte und
getriebene Tier ein Lächeln unendlicher Liebe. In diesem Augenblick wurde all
sein Schmerz nicht gerade nebensächlich, aber viel kleiner. Die Giraffe
verspürte das Gefühl, nein, die feste Gewissheit: „In den Händen dieses
Christuskindes ist die ganze Last meiner Seele in guter Hut.“ Dazu empfand sie
auch die Sicherheit, dass ihr eigenes Kind, um das sie geweint, in der Liebe
dieses Christuskindes Heimat gefunden hatte.
Da löste sich aus der Brust des Tieres ein langer,
tiefer Atem. Und in diesem Ausatmen ging alle Not zu Ende. Das machte die
Giraffe unsagbar froh.
Nun war diese jedoch kein Wesen vieler Worte. Nein,
stillen und ausgeglichenen Charakters war sie. Große Worte lagen ihr nicht.
Aber das Christuskind in der Krippe konnte an den Augen erkennen, was in diesem
Tier vor sich ging. Es hatte die Sprache des Herzens bei der Giraffe schon
längst erfühlt.
Noch einmal sandte das Tier einen langen Blick zum
Kind in der Krippe, dann wandte es sich und setzte ungelenken Schrittes seinen
Weg fort. Sehr lang war dieser, und lang war auch die Zeit, die Giraffe
brauchte, Frieden zu finden für ihre Seele.