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Leseprobe für das Buch Atka vom Langen Fluss
Wolfsmädchen
von Anton Vogel:

14.000 Jahre nach der Zeit,
in der unsere Geschichte spielt ...


... scheint die Sommersonne auf den Petersfels und den Eiszeitpark Engen. Fichtenmischwald und steile Wiesen umgeben die Höhle am Südhang des Brudertals, das nahe dem malerischen Städtchen Engen durch die Landschaft des Hegau schneidet. Vom Viadukt am Ende des Tals dringt gedämpft das Rauschen der Automotoren in die Stille und den Gesang der Vögel. Doch zu Füßen des Petersfels sowie der nahe gelegenen Gnirshöhle geben ein künstlich angelegtes Moor und kräuterreiche Wiesen einen Eindruck der Tundra-Vegetation, die am Ende der letzten Eiszeit an diesem Ort wuchs. Informationstafeln schildern das Leben der Jäger und Sammler, der Männer, Frauen und Kinder, wie es sich hier vor rund 14.000 Jahren abgespielt haben könnte.
Das Leben von Atka und ihrer Sippe ...

Erster Teil: Die Bestimmung

Aufbruch zum Geisterhügel

Jeder am Feuer ist wichtig. Jede Stimme in der Sippe zählt.
Atka erinnerte sich an die Worte Nokomis, ihrer Großmutter, der Geistersprecherin, während sie gemeinsam das Jagdlager verließen. Zelte, Feuerstelle und Stimmen blieben rasch am Fuß des Hangs zurück, ebenso die Flussquelle, die einen klaren Weiher füllte.
Nokomi griff sich an den Ästen des niedrigen Birkenwalds hangaufwärts. Einmal geriet sie auf einem besonders steilen, vom letzten Regen noch schlüpfrigen Felsstück ins Rutschen und fiel beinahe auf ihre ausgestreckten Hände. Atka wollte ihr helfen, doch Nokomi wies sie mit strengem Kopfschütteln zurück.
'Du darfst jetzt keinen anderen Menschen mehr berühren, Tochter meiner Tochter Nareka. Heute ist der Tag, da du dich an die Schwelle der Geisterwelt begibst. Bis die Ahnen dich geprüft und dir dein Schutztier gesandt haben, bist du unrein. Verlassen wirst du uns und in diesen Tagen und Nächten wie eine Tote sein. Niemals darf eine Tote unter den Lebenden weilen. Außerdem', fügte sie schnaufend hinzu, 'wenn es eine alte Nokomi nicht mehr auf die Hügel schafft, ist ihre eigene Zeit wohl bald gekommen, und dann müsstet ihr rasch darüber nachdenken, wo ihr sie den Toten übergebt.'
In nachdenklichem Schweigen stieg Atka weiter. Feuchte Farne glitschten über die Beinlinge aus Rentierfell, die ihre Waden trocken und warmhielten. Arme, Hände und Gesicht hatte das Mädchen mit einer krustig aufgerissenen Paste aus rotem Steinstaub bestrichen - nicht nur zum Schutz vor den Mücken, die in der dampfigen Wärme umso aufdringlicher stachen, sondern auch, weil die Rötelfarbe - das 'Blut der Erde' - die Tiergeister locken sollte. An dem Gürtel, der ihr Lederhemd zusammenhielt, baumelten mit den Riemen festgeknüpft ihre Schuhe und eine Rentierblase voll Trinkwasser. Das war die einzige Zehrung, die sie an den Ort der Geistersuche mitnehmen durfte. Sonst hatte sie nur noch ein kleines Hornsteinmesser bei sich. Es gehörte zur Prüfung, fast unbewaffnet in die Wildnis zu gehen und sich dem Wohlwollen der Tiergeister zu überlassen. Erst dann wären sie bereit, Atka als Jägerin anzunehmen, die ihre Körper töten konnte.
Auf den ausgetretenen Stufen des Hangpfads vorwärts huschend, ließ Atka die Bedeutung der Großmutterworte auf sich wirken: Jeder am Feuer ist wichtig. Das hieß, jeder hatte seinen Platz in der kleinen Sippe wie in den beiden großen Clans - den Bären- und den Rentierleuten. Jeder musste diesen Platz aber auch zum Segen der Gemeinschaft ausfüllen. Für sie war nun die Zeit gekommen, sich auf den Geisterhügel zurückzuziehen, zu fasten und darauf zu warten, dass die jenseitigen Wesen ihre Reife als erwachsene Frau anerkannten. Wenn sie aus der Einsamkeit zurückkehrte, musste sie zunächst der Wissenden Mutter von ihren Geister-Begegnungen erzählen. Im Herbst, wenn sich die Sippen zur Jagd auf die wandernden Rentierherden versammelten, würden die Ältesten und die Geisterseher der beiden Clans die jungen Leute noch einmal prüfen, um sie vor der Gemeinschaft als neue Jäger zu bestätigen.
Atka war geschickt mit dem Wurfholz. Weit ließ sie Speere von den Schleuderstäben aus Rentiergeweih schnellen, die mit kunstvollen Schnitzereien verziert waren. Aber erst, wenn sie ihre Geistersuche durchlaufen hatte, durfte sie auf andere Ziele werfen als auf ausgespannte alte Felle. Dann konnte sie zum ersten Mal an einer Großen Jagd teilnehmen: Sie durfte Rentier, Pferd oder den mächtigen Schaufelhirsch nicht nur den Jägern zutreiben, sondern sie selbst erlegen. Ihr Leben lang, wenn sie schließlich die Erwachsenenweihe bestand.
Doch spürte sie noch etwas anderes in sich, eine fremdartige und dennoch vertraute Kraft, eine keimende Bestimmung. Oft erschrak sie davor, um dieses Neue im nächsten Augenblick wieder mit Spannung und unruhiger Hoffnung zu erwarten. Manchmal erfüllte die Geisterwelt ihre Träume, drang für die Dauer eines Herzschlags sogar in ihre Wahrnehmung ein, wenn sie wach war. Einmal hatte sie beim Säubern eines Fells eine Gestalt in rotem Dämmerlicht gesehen, kein Tier und nicht ganz Mensch. Als sie ihre Augen hob, stand da kein Ahnengeist. Vor sich sah sie nur ihre Mutter Nareka, die mit dem Kratzer Fleisch- und Fettreste von der Innenseite des Fells abschabte. Die vertrauten Bewegungen des Lagerlebens im Hintergrund. Besorgt fragend erwiderte Nareka ihren starren, erschrockenen Blick.
Offenbar spürten auch die Verwandten, was in ihr reifte: die Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten.
Nicht immer schienen sie es mit Wohlwollen zu beobachten. Wurden sie misstrauisch gegen sie? Fürchteten sie, die Kräfte, die sie aufzusuchen begannen, könnten sie in eine Dämonin verwandeln? Vor allem Utoko, ihr Vetter, verhielt sich seit einiger Zeit zurückhaltend, argwöhnisch und launisch ihr gegenüber. Dabei hatte er bereits vor einem Mond seine Schutztiersuche bewältigt. Er würde bestimmt ein guter Jäger, ein geachteter Mann.
Was beschäftigte Utoko? Warum wurde er still, wenn sie kam, warum stand er sogar auf und ging schweigend fort? Nicht nur seine Blicke schienen gekränkt und vorwurfsvoll auf ihr zu liegen. Manchmal hatte Atka das Gefühl, dass alle im Lager sie mit fremden Augen ansahen.
Hab keine Angst. Hab keine Zweifel. Du gehst deinen Weg. Sie erinnerte sich an den Traum, der zwei bis drei Nächte zurück lag. Darin war ihr ein Wolf erschienen. Der Wolf, das wusste sie von Nokomi, zählte neben Bär, Adler und Rabe zu den Schutztieren der Geistersprecher.

Atka bemerkte ihn zuerst. Wo die Birken und Wacholderbüsche sich lichteten, kauerte die Gestalt an einem regengeschwellten Bach. Den einen Arm hielt er um seinen langen Speer geschlungen, mit der anderen Hand zeichnete er etwas im nassen Sand einer Bucht. Als sie näher kam, unterschied Atka ein langes, genähtes Fellbündel, das neben ihm lag. Gefiederte Speerenden ragten aus dem Köcher. Ein ledrig-trockener Fischgeruch durchdrang die Ausdünstung feuchter Erde und Pflanzen. Über einem Ast hing eine Sehnenschnur mit Dörrfisch.
'Schau, Wissende Mutter! Es ist Miko!' Als eine der wenigen aus der Sippe nannte Atka die Geistersprecherin meistens 'Großmutter' oder 'Nokomi', aber vor der Suche nach dem Schutztier hätte auch sie es niemals gewagt, sie anders als mit dem verehrungsvollen Titel anzusprechen. Trotz ihres feierlichen und furchtsamen Ernstes freute sie sich, den Jungen zu sehen. 'Miko vom Blauen See, aus dem Bären-Clan. Heee! Was führt dich zu uns?'
Er fuhr noch einmal mit seinem Finger durch den Sand, stand auf, nahm die Tasche mit den Speeren, warf sich das Fischbündel über die Schulter und schritt den beiden Frauen entgegen.
Ein kluges, freundliches Lächeln breitete sich über sein Gesicht. Schwarze Lockensträhnen fielen ihm in die Stirn. Deutlich erkannte Atka die Züge ihrer Freundin Luwi, Mikos Schwester, die einen Gefährten aus ihrer Sippe genommen hatte und seitdem mit ihnen umherzog. Im Frühjahr hatte sie ihr Kind geboren.
''Ich grüße dich, Wissende Mutter', sagte Miko ehrfürchtig und feierlich. 'Lako, der Gefährte meiner Mutter Taura, schickt mich in euer Lager. Wir wissen, dass ihr euch an der Flussquelle aufhaltet, während wir das Fest des Längsten Tages am Blauen See erwarten.'
Der Junge deutete gen Mitternacht. Seine Armbewegung gab Atka den Blick auf die Muschel frei, die mit einer Schnur an seinem Lederhemd befestigt war. Ein besonders schönes Exemplar, glatt, rund und hohl, mit einer Spiralwindung, die wie ein Dorn abstand, und einem rotgelben Schimmer auf den gezähnten Lippen der Gehäuseöffnung. Diese Muschel konnte nur aus dem fernen Wasser stammen, das nach den Geschichten ihres Volks die Welt in Mittag und Abend umspülte. Viele mussten sie als Geschenk oder als Tauschmittel von Sippe zu Sippe, von Hand zu Hand gereicht haben. Atka freute sich am Schönen ebenso wie an der Form und am Flug eines guten Speers. Beinahe empfand sie Neid, dass Miko ein so kostbares Schmuckstück tragen durfte. Sicherlich barg es einen mächtigen Zauber. Vielleicht sogar Mikos Lebenskraft.
'Sei uns gegrüßt, Miko, Sohn Tauras und Lakos', antwortete Nokomi ihm so respektvoll, wie die Erwachsenen meist auch die Kinder und Heranwachsenden behandelten. Nur dann konnten sie sich zu hilfreichen, selbstsicheren Mitgliedern der Gemeinschaft entwickeln, sagten die Alten. 'Du willst Luwi besuchen, deine Schwester?'
'Es ist, wie du sagst, Wissende Mutter. Lako meinte, ich solle ihr und Turo eine Zeitlang zur Hand gehen, nun, da das Kind da ist. Mein kleiner Schwestersohn ... Außerdem bringe ich euch neue Speere und Fisch.'
Eine wohlige Wärme durchströmte Atkas Brust. Sie selbst hatte schon viele Sommer bei anderen Sippen verbracht. Miko war Atka vertraut wie ihr Vetter Utoko oder ihr kleiner Bruder Yolo, dennoch freute sie sich diesmal besonders über sein Kommen. Sie wusste nicht, weshalb. Ob er die Schutzgeistsuche schon hinter sich hatte?
'Was hast du da gesucht?' Sie zeigte auf die Uferseichte.
'Dort? Oh ... ich habe mir das Trittsiegel eingeprägt. Später, wenn ich einen geeigneten Stein bekomme - einen Schwarzstein vielleicht -, will ich es darin festhalten.'
Neugierig folgte Atka ihm ans Bachufer. Miko war trotz seines jungen Alters schon weithin bekannt für seine Stein- und Knochenbilder, in denen der Geist des Gehauenen oder Geritzten lebendige Form annahm. Als sie sich über das kleine Becken neigte, schlug Atkas Herz schneller. Zwischen den Abdrücken von Mikos Fellschuhen und der Spur ihres nackten Fußes, den sie eilig zurücknahm, zeichneten sich die Zehenpolster einer Wolfspfote ab.
'Ich hätte sie selbst fast zertrampelt, als ich sie entdeckte. Aber mit meinem Finger habe ich den Geist der Form in mir aufgenommen, sodass ich sie wiedergeben kann. Vor kurzem hatte ich einen Traum, wisst ihr. Ich stand an einem Gewässer wie diesem und erblickte eine Wolfsspur im Schlamm. Auf dem Wasser zitterte das Spiegelbild eines Mädchens mit langen schwarzen Haaren. Ihr Gesicht zerlief in der Strömung, ich konnte es nicht erkennen. Ich konnte auch ihre wirkliche Erscheinung nicht sehen. Aber jetzt ist es wie in dem Traum.'
Eine pochende Hitze überzog Atkas Wangen unter der Rötelschicht. Miko musterte sie mit dem Ausdruck scheuer Prüfung, den sie oft bei den Angehörigen der Sippe sah. Doch es lag kein Argwohn in seinen Augen, eher ein neugieriges Staunen. Verlegen schaute sie auf die Schwemmbank nieder ... und stutzte. Von dem Wolfstritt war keine einzige Linie, kein Krallenstich mehr zu sehen. Hatten sie die Spur inzwischen doch zertrampelt? Hatte das Wasser sie fortgewaschen? Aber die übrigen Spurenmuster hatten sich nicht verändert.
'Bist du den Weg allein gegangen?', fragte Atka, um sich abzulenken. 'Alle Achtung, Miko. Es ist eine halbe Tageswanderung den See entlang und über die Hügel bis zur Quelle des Langen Flusses. Dein Fischvorrat, für den wir dir danken, hätte dir einen Vielfraß oder einen Bären auf den Hals locken können.'
'Ich habe einen starken Speer', tat er die Bedenken in einem Ton gelassenen Stolzes ab. Seine Augen wanderten zu der länglichen Spitze aus Geweihmasse empor, die an der Unterseite des Schafts mit einer Reihe messerscharfer, kleiner Hornsteinzacken verstärkt war. Der Speer eignete sich nicht für den Schleuderstab, dafür war er zu schwer. Sein Träger konnte damit zustoßen oder ihn aus kurzer Entfernung werfen. Wirklich eine gute Verteidigungswaffe. Dazu die schöne Schutzmuschel ... Atka dämmerte es.
'Hast du deinen Schutzgeist schon gefunden, Miko?'
Sie wich Nokomis mahnendem Blick aus.
'Vor einem halben Mond schickte mich Taura, meine Mutter, auf den Stierbuckel jenseits unseres See-Lagers. Die Zeit sei gekommen. Du weißt, auch Taura kann manchmal die Stimmen der Geister verstehen, aber nur im Traum.'
Atka brannte vor Begierde zu erfahren, welches Tier sich für Mikos Leben mit ihm verbunden habe. Doch das ging nicht an, bis er es dem gesamten Clan kundtat. Stattdessen sprudelte sie heraus: 'Miko, du musst mir alles erzählen, was sich in eurer Sippe ereignet hat! Wie ...'
'Nichts da!', unterbrach Nokomi sie unwirsch. 'Du solltest nicht mehr reden, dein Platz ist jetzt auf dem Geisterhügel. Geh.'
Atka erschrak, als sie merkte, dass sie in ihrem Redeschwall Miko am Arm gefasst hatte. In ihrem Zustand als Weihling durfte sie das nicht tun! Auch Miko trat erschrocken zurück, blinzelte auf seinen Arm, dann in Nokomis Gesicht.
'Komm erst, wenn die Geister über dich entschieden haben, Atka. Wir, mein Junge, gehen zurück ins Lager. Unterwegs erzählst du deiner alten Nokomi, was es Neues bei euch gibt.'
Wehmütig sah Atka den beiden nach. Sie musste daran denken, dass Miko das Fest des Längsten Tages im Kreis ihrer Sippe erleben würde. Sie stellte sich vor, wie alle miteinander aßen, Liedern lauschten, Lieder sangen, tanzten, lachten, fröhlich waren. Einsamkeit durchtränkte sie. Doch würde sie das Fest der Jahreswende auf ihre eigene Art begehen, an einem heiligen Ort, zum Nutzen für das gesamte Volk, das sich ishi tattakut nannte, 'die den Rentieren ihr Leben verdanken', oder einfach: 'die Rentiermenschen'. Der Zeitpunkt, an dem der Sonnenbogen sich zu neigen und zu verkürzen begann, der aber auch den Höhepunkt des Wachsens und des Lebens darstellte, musste ihre Schutzgeistsuche doch mit besonderer Kraft erfüllen. Stolz vertrieb die Einsamkeit, als sie den Bach auf einer Reihe von Steinen zu überspringen versuchte, sich nach einem Sturz aus dem schneidend kalten Wasser rappelte und weiter hinaufstieg, dem kahlen Rücken des Hügels zu.
Wenn sie zurückkam, würde Nokomi sie vielleicht zu ihrer Schülerin machen und zur neuen Geistersprecherin ausbilden.


Das Lied des Geiermanns
Atka blieb stehen. Wieder beschlich sie eine gespannte Ahnung, der Schauer einer unsichtbaren Gegenwart. Das Gefühl, beobachtet zu werden. Mehr als einmal hatte sie es gespürt, wenn sich ein Raubtier in der Nähe aufhielt. Sie waren auf der Wanderung in ein neues Lager gewesen, als hinter einer Felsgruppe der Löwe hervorlugte und in lautlos gemessener Eile davonschlich. Genau wie damals schien die Nähe von etwas Lauerndem, Unberechenbarem die Luft zu schwängern. Einen Herzschlag lang schien selbst der Wind stillzustehen.
Gewöhnlich wurde alles in ihr völlig ruhig in einem solchen Moment. Angst hatte sie selten verspürt. Sank der eigene Mut, die innere Kraft, so verlieh das dem Geist des Tieres Überlegenheit und konnte es erst recht zum Angriff reizen. Das lernte jedes Kind in der Sippe sehr früh. Doch diesmal gelang es Atka nicht, ihre Sinne mit der Landschaft eins werden zu lassen und in beherrschter, respektvoller Ruhe das Raubtier auszumachen. Das Gefühl seiner Gegenwart war beinahe überwältigend.
Sie versuchte, ihr gehetztes Schnaufen zu unterdrücken, während sich die Tundra vor ihren Augen in unwirklicher Schärfe ausbreitete und gleichzeitig in eine dämmrige Ferne zu entrücken schien.
Was geschieht mit mir ...
Ringsum blieb es still. Nur die grollenden, fauchenden Stöße des Windes waren zu hören, der sich an Felsen rieb, den Duft der Kräuter und Gräser aufwirbelte, kalt über ihre schweißbedeckte Stirn strich und mit ihren langen schwarzen Haaren spielte. Ein blauer Himmel spannte sich über den Höhen. Die Wolken des nächtlichen Gewitters hatten sich bis auf ein paar Schleier verzogen.

Dem Hügelgrat entlang führte sie der Weg in mittäglicher Richtung. Am Horizont stieg feiner Dunst aus der Niederung eines riesigen, verzweigten Sees auf. Dahinter schwebten die Großen Berge mit ihren Eismassen, die sich wie ein Land aus steinharter Gefrornis zwischen den Gipfeln ausbreiteten und sie bis tief in die Täler ummantelten.
Hoch über ihr erklang das kehlige Rok-rok eines Raben. Der Wind trocknete ihre Beinlinge, ihren Lendenschurz und den Saum ihres Fellumhangs.
Vor ihr tat sich eine Senke auf, deren saftiges Grün gegen die vertrockneten Gräser am Rand des Trichters und auf der dahinter liegenden Kuppe abstach. Die weißen Samenflocken des Wollgrases leuchteten wie Flaumfedern zwischen dunkelblauen Moortümpeln.
Während Atka die nasse Mulde umrundete und auf den Gipfel zu schritt, überkam sie wieder das Gefühl einer unsichtbaren, aber körperlichen Gegenwart. Diesmal war es jedoch weniger die Ahnung einer Gefahr. Es schien eher, als ob etwas auf sie wartete. Nichts so Großes und Wuchtiges wie ein Löwe. Es war etwas Junges, ein wenig Unsicheres sogar. Dennoch hatte es die Ausstrahlung eines vierbeinigen Jägers.
Am anderen Rand der Moorsenke streifte die Bewegung durch hohes Gras, Gebüsch und Stauden, verlor sich im Gewirr der Halme und Zweige, setzte sich fort in einem so gleichmäßigen Auf und Ab, wie es nur Schultern über trabenden Läufen vollführen konnten. Aus dem Bewuchs erhob sich ein Kopf mit Spitzohren. Die längliche Schnauze schob sich witternd in die Luft, die Augen unter den hellen Brauenflecken zogen sich blinzelnd zusammen.
Atka stand reglos, von einer gefassten und ehrfürchtigen Ruhe erfüllt. Der Wolf sah nicht so aus, als würde er sie angreifen, erst recht nicht auf diese Entfernung. Vorsicht drückte sich in seiner Haltung aus, aber auch eine unverwandte, abwartende Gelassenheit. Plötzlich zuckte er zusammen, fuhr tänzelnd herum, stieg auf die Hinterläufe und schnappte in die Luft, wahrscheinlich nach einer Mücke. Der jähe Wandel von sichernder Spannung zu verspieltem Überschwang entlockte Atka ein Schmunzeln. Gleich darauf stand er wieder unbeweglich da und schaute herüber. Wellen warmer Luft zerrten an seinen Körperumrissen.
Ein tiefes, hölzernes Glucksen fiel aus dem Himmel, ein schwarz glänzender Schatten mit weit ausladenden Schwingen und keilförmigen Schwanzfedern glitt über die Kuppe hinweg. Als er den Wolf überflog, stieß er noch einmal sein raues Krok-rok aus. Der Vierbeiner sprang zwischen die Gräser zurück und war beinahe in der Bewegung verschwunden.
Wolf und Rabe. Die Schutztiere der Geistersprecher ,,,
Wo ist dein Rudel? Bist du allein unterwegs, Bruder mit der heulenden Stimme? Allein wie ich ...
Immerhin war Atka erleichtert, den Wolf nicht mehr zu sehen und kein Raubtier mehr in der Nähe zu spüren, auch wenn sie wusste, dass sie vor der Einsamkeit ihres Aufenthaltes keine Furcht zeigen durfte. Still breitete sich die Hügelfläche in der milden Sonnenhitze aus. Sie setzte sich mit gekreuzten Beinen in den Schatten eines niedrigen Wacholderbaums, ließ ihre Blicke über die Umgebung schweifen und versuchte, sich auf ihr Warten einzurichten, ihr Inneres empfänglich zu machen für die Ankunft der Geister. Ihre Zehen krümmten sich um Halme und Stängel, die Finger zupften Pflänzchen ab. Mücken zogen interessierte Kreise um Atkas Kopf, doch allzu viele dieser Plagegeister flogen nicht über der Kuppe, wo der Wind sie fortblies.
Fels und Schotter überzogen die in der Ferne verschmelzenden Geländewellen mit einem schütteren Graustich - gleich dem Grau eines Wolfsrückens. Die Hänge hinab, von Felsrippen unterbrochen, wuchsen Dickichte aus Birken, Erlen und Weiden, in den Bachtälern verdichteten sie sich zu kleinen Wäldern. Dazwischen breitete sich Tundra aus. Seen und Weiher blinkten in der Sonne. Noch mehr Tümpel zeichneten sich als dunkelbraune Flecken oder weiße Spiegelflächen aus der Landschaft ab, denn in diesem Frühsommer hatte es ungewöhnlich viel geregnet, und der Wasserstand der Moore war weit über die Ränder der Schlänken hinausgetreten. Im Tal des Langen Flusses erspähte Atka eine Anzahl bräunlicher Sprenkel, die sich langsam auf das Ufer eines Sees zubewegten: eine Wisentherde. Plötzlich versetzte ein schwarzgrauer Schleier, der über sie hinwegzog, die Tiere in stampfende, springende Unruhe. Selbst diese mächtigen Zottelleiber konnten dem Ansturm der Mücken nichts entgegensetzen.
Langsam hüllte Ruhe das Mädchen ein. Ihre Augen wurden schwer und schläfrig.