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Leseprobe für das Buch Berge * Menschen * Schicksale
Die Sektion Hohenstaufen Göppingen (1901-1945) und ihre jüdischen Mitglieder
von Dr. Jürgen Christ, Hrsg: Laura Krauchenberg, Gabriele Steiner Christ:

1. Rückblick und Aufgabe

Als die Sektion Hohenstaufen Göppingen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) im Jahr 1926 ihren 25. Geburtstag feierte, hatte sie ungefähr 30 jüdische Mitglieder (bei einer Gesamtzahl ca. 420 Mitgliedern ohne Ortsgruppe Giengen/Brenz). Mit ihren Familien mögen es also doppelt oder dreimal so viele Personen gewesen sein, die sich aktiv oder passiv mit dem Verein und den Bergen besonders verbunden fühlten. Als das nationalsozialistische Regime im Jahr 1945 zu Ende ging, lebten in der Sektion und in Göppingen keine jüdischen Mitglieder mehr; sie waren emigriert, geflohen oder deportiert und in nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet worden.
Ein ausdrückliches sektionseigenes Gedenken an die jüdischen Opfer hat bislang nicht stattgefunden, ebenso wenig eine nähere Betrachtung ihrer Schicksale seitens der Sektion. Für die Jahre der Nachkriegszeit ist das erklärlich, standen doch bei vielen die eigenen durch den Krieg erlittenen Verluste an Leib und Leben, Hab und Gut im Vordergrund. In der Festschrift der Sektion von 1951 zum 50-Jahr-Jubiläum begnügte man sich mit einem Hinweis auf die politischen und wirtschaftlichen Nöte der Vergangenheit.
Auch zum 75-jährigen Jubiläum 1976 wurde dieses Kapitel der Sektionsgeschichte nicht genauer betrachtet oder der Opfer der Judenverfolgung gedacht. Man beließ es beim „Erinnern […] in Dankbarkeit und Ehrfurcht auch der Toten in Kriegs- und Friedenszeiten, die [...] unserer Sektion angehörten und durch ihr Wirken deren Entwicklung entscheidend mitgeprägt haben“. Als Begründung dafür konnte auch die Tatsache angeführt werden, dass das Sektionsarchiv bei dem damaligen Vorsitzenden Max Scheerer verbrannt war, als dessen Haus in der Göppinger Marktstraße noch im März 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde.
Der große, öffentliche Aufmerksamkeit erregende Auschwitz-Prozess von 1963/1965 in Frankfurt am Main, in dem der Göppinger Apotheker Viktor Capesius wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an Tausenden von Menschen verurteilt worden ist, wurde von vielen „Normalbürgern“ als Schlussstrich aufgefasst, wie ihn seinerzeit (und bis heute) auch namhafte Zeitgenossen gefordert haben. Eine sympathische Ausnahme bildete der damals 80-jährige Dr. Eduard Gerok, Sektionsvorsitzender von 1937 bis zum Kriegsbeginn 1939, als er sich in der Festschrift 1976 (S. 52) an seine Rede vom 11. Juli 1939 auf der Göppinger Hütte erinnerte:
„Über dem Johanniskopf stand eine schwarze Wolkenwand, als wollte sie das drohende Unheil des in Bälde ausbrechenden 2. Weltkrieges andeuten. Nicht nur das ließ mich in meiner Festansprache ernste Worte finden, sondern auch der beschämende und bedrückende Gedanke, daß alte Mitglieder, die einst mitgeholfen hatten, daß die Hütte 1912/13 gebaut werden konnte, als rassisch und politisch verfemte nicht an der Feier teilnehmen konnten. Ich sprach das auch aus und nannte dabei nur einen Namen, Ludwig Eisig, dessen markante Persönlichkeit sich um den Bau der Hütte besonders verdient gemacht hatte.“
In dem Rückblick auf 90 Jahre Sektionsgeschichte (Sektionsmitteilungen Nr. 95, April 1991) und in der Festschrift von 2001 zum 100-Jahr-Jubiläum der Sektion werden die jüdischen Opfer des „Dritten Reiches“ nicht thematisiert, während der Dachverband Deutscher Alpenverein und manche größere Sektion inzwischen schon begonnen hatten, die verhängnisvollen Jahre ihrer eigenen Geschichte unter dem Nationalsozialismus genauer unter die Lupe zu nehmen.
Mit der folgenden Darstellung soll die durch „Archiv- und Gedächtnisverlust“ entstandene Lücke unserer Vereinsgeschichte näher beleuchtet und einigermaßen aufgefüllt werden, soweit dies nach so langer Zeit und dem Ableben aller Zeitzeugen überhaupt noch möglich ist. Erstmals wird hier konkret an Anteil, Rolle und Schicksal der jüdischen Mitglieder der Sektion Hohenstaufen Göppingen erinnert. Zu diesem Zweck ist zunächst mit einem Aufruf im Magazin der Sektion und persönlichen Kontaktaufnahmen mit Nachkommen Überlebender oder damaliger Amtsträger der Sektion versucht worden, etwa noch in Privatbesitz befindliche Unterlagen von vor 1945, aufzufinden – mit sehr wenig Erfolg.
Andererseits ist die Geschichte der Juden in Göppingen während der letzten Jahrzehnte von Autoren wie dem früheren Leiter von Archiv und Museen der Stadt Göppingen Karl-Heinz Ruess, Professor Stefan Rohrbacher, Walter Lang und anderen sorgfältig bearbeitet worden. Deren Ergebnisse sowie die Untersuchungen des Vereins „Initiative Stolpersteine Göppingen e.V.“ sind wesentliche Grundlagen dieser Ausarbeitung. Es gibt inzwischen acht in Göppingen verlegte Stolpersteine für jüdische Mitglieder und nächste Angehörige aus unserer Sektion, die in der Nazi-Diktatur umgebracht worden sind.
Weiterhin wurden die unsere Sektion betreffenden Bestände des Archivs des DAV-Hauptvereins im Alpinen Museum in München durchgesehen, die leider sehr lückenhaft sind. Es fand sich dort nur ein einziger Schriftwechsel zwischen Sektion und Hauptverein aus dem Jahr 1936, der von den jüdischen Mitgliedern der Sektion handelt.
Zusätzlich standen im „Onlinearchiv der Alpenvereine“ die offiziellen Jahresberichte der Sektion an den Alpenverein-Dachverband bis 1943 zur Verfügung, deren Inhalt sich jedoch auf Mitgliederentwicklung, Finanzen und Hüttenfragen des Vereins beschränkt.
Immerhin konnten mit den genannten Quellen sowie weiteren Recherchen zu letzten Aufenthaltsorten weggezogener Sektionsmitglieder die Umstände vieler bereits erforschter Fälle bestätigt und öfter, zum Beispiel um Schicksale von Familienangehörigen, ergänzt werden. Trotzdem muss offenbleiben, ob aus den vorhandenen Unterlagen überhaupt alle Sektionsmitglieder jüdischen Glaubens oder Herkommens erfasst werden konnten. Es bleiben einige jüdische Mitglieder, deren Schicksal leider nicht aufgeklärt werden konnte. Aufgabe zukünftiger Forschung ist es daher, weiter zu klären, ob und wie sie dem Unrecht der nationalsozialistischen Diktatur entkommen oder ihm zum Opfer gefallen sind.
Diese Arbeit kann sich nicht darauf beschränken herauszufinden, wer von den in der Festschrift von 1926 verzeichneten und noch in anderen Quellen genannten Sektionsmitgliedern jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft war, und was ihnen in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft widerfuhr. Um diese Katastrophe zu verstehen, müssen wir den größeren Zusammenhang in den Blick nehmen, nämlich die Entwicklung des „Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“ seit der Jahrhundertwende und insbesondere den wachsenden Antisemitismus und völkischen Nationalismus im Verband nach dem 1. Weltkrieg. Unter diesem Blickwinkel wird dann der Werdegang der Sektion Hohenstaufen Göppingen seit der Gründung im Jahr 1901 bis zu Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 skizziert, wobei gerne auch interessante Fundstücke aus den Recherchen mitgeteilt werden, die außerhalb des Themas Judenverfolgung liegen. Es folgt eine konzentrierte Darstellung der Stationen nationalsozialistischer Judenpolitik von 1933 bis 1945 und ihrer Folgen für die Sektion und ihre jüdischen Mitglieder. Eine der Wahrheit verpflichtete Berichterstattung muss auch der Frage nachgehen, in welchem Verhältnis die damaligen Führungspersonen der Sektion zum Nationalsozialismus und zur NSDAP gestanden haben, und insbesondere, wie sie sich gegenüber den jüdischen Mitgliedern der Sektion verhalten haben.
Es folgt eine Aufstellung von jüdischen Sektionsmitgliedern ab dem Gründungsjahr 1901, die vor 1926 ausgeschieden oder verstorben sind, und eine Aufstellung der recherchierten jüdischen Mitglieder anhand der Mitgliederliste in der Festschrift von 1926 mit Kurzberichten über ihr weiteres Schicksal.
Achtzig Jahre später kann ein Schlusswort nur ein tiefes Bedauern und die Mahnung sein, alles zu tun, um in unserer Gegenwart ähnliche Entwicklungen zu verhinder