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Leseprobe für das Buch Das Stift
Mord im Pflegeheim?
von Susanne Becker, Franz-Bernd Becker:

Ein ganz normaler Nachtdienst

17.03.2014, Montag
Am Freitagabend vergangener Woche sah es so aus, als würde sich ihr Zustand stabilisieren. Aber nun? Sebastian Mond schiebt sich das lange Haar aus dem Gesicht. Ein Blick in die Dokumentation der alten Frau sagt ihm, dass hier nichts mehr gemacht werden soll: keine lebensverlängernden Maßnahmen, keine Information an den Arzt oder an Angehörige, zumindest nicht in der Nacht. Bei dem desolaten Zustand soll sie einfach ruhig einschlafen - zumindest etwas Sterbebegleitung gesteht man ihr zu. Na also, dann wird er sich mal darum kümmern, und zwar in Person von Ordensschwester Ruth.
Mond hat schon lange keine Lust mehr. Falls er noch vor einigen Jahren gedacht hat, der Job ist echt stressig, muss er heute sagen, es liegen menschenverachtende Bedingungen vor; sowohl für ihn als auch für die über fünfzig Bewohner, die er zu versorgen hat. Den Dienst muss er alleine versehen, obwohl bei einer Anzahl von über vierzig Pflegebedürftigen zwei Mitarbeiter vorgeschrieben sind. Die Pflegedienstleitung Marie plant zwar immer eine examinierte Kraft und eine Helferin ein, aber bei einem plötzlichen Ausfall schafft sie es schon lange nicht mehr, den zu kompensieren. Dass die gesetzlichen Auflagen nicht erfüllt sind, kratzt in dem Moment nicht wirklich jemanden. Eine Nachtwache ist besser als gar keine, schließlich will die Heimaufsicht nicht von ihrem Recht der Untersagung Gebrauch machen, wenn es in allen anderen 12.000 Einrichtungen der Republik nicht besser aussieht.
Er denkt über seine Optionen nach. Mit 36 Jahren, einer drogenabhängigen Exfrau mit unbekanntem Aufenthaltsort und drei Kindern zwischen siebzehn und elf stehen die Chancen nicht allzu berauschend. Seines einstigen progressiven Touches hat er sich längst entledigt und mutiert immer mehr zum Spießer, findet er. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Cool den Tag abgammeln, auf unangepassten Lebenskünstler machen und lockere Kontakte pflegen machen ihn und seinen Nachwuchs eben auf Dauer nicht satt. Er musste früh Verantwortung übernehmen, konnte seine Lebensphilosophie aber noch eine zeitlang aufrechterhalten. Sie spielten die junge, flippige Familie, die alles easy unter einen Hut bekam: Arbeit, Geld, relativ große, alternativ eingerichtete Wohnung, Feten, Freunde, auch ein bisschen kiffen, bis Giggi halt etwas zu auffällig wurde. Jetzt ist er dankbar, dass sie ihm die Kinder nicht weggenommen haben und er mit Hilfe seiner Eltern und Geschwister noch ein Stück weit am Leben teilnehmen darf.
...
Plötzlich setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung. Dolores ist starr vor Schreck. Nachts darf der aus Sicherheitsgründen nicht benutzt werden, außer zum Transport von Bewohnern natürlich, und das meistens auf einer Trage auf dem Weg ins Krankenhaus oder auf der Bahre Richtung Leichenkeller.
Aber vielleicht ist es einer der Polizisten, die hier immer noch alles absuchen, oder der saudoofe Student, der zu faul ist, das Treppenhaus zu benutzen. Fehlt nur noch, dass der stecken bleibt. Dann steh’ ich hier alleine mit der ganzen Kacke. Danke auch.
Dolores beruhigt sich wieder etwas. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass sie nur über ein dünnes Nervenkostüm verfügt und leicht in 'Kleine-Mädchen-Mechanismen' verfällt. Sie ruft den Studenten an. Nein, er ist noch im zweiten Stock und bringt Bewohner ins Bett, auf dem Flur hat er niemanden gehört oder bemerkt.
Okay, dann wird sie in der ersten Etage nachsehen, um sich zu vergewissern, dass wirklich alles in bester Ordnung ist.
Oben angekommen, entdeckt sie nichts; die gedämmte Nachtbeleuchtung an den Wänden lässt keine Auffälligkeiten zum Vorschein kommen. Doch da, weiter hinten steht eine Tür einen Spalt offen! Beherzt geht sie weiter, tritt ein, ruft den Bewohner bei seinem Namen. Dann sieht sie ihn eingesunken auf dem Sofa sitzen, sie geht näher heran, und das Blut gefriert ihr in den Adern. Oh nein! Um Gottes Willen! Für eine Reanimation ist es zu spät. Der Mann ist mausetot! Das darf doch nicht wahr sein! Das Kinn liegt auf seiner Brust, der Mund ist geöffnet, ein Rinnsal läuft heraus und hat einen nassen Fleck auf seinem Oberhemd hinterlassen. Seine Hand hat sich fest in ein Sofakissen verkrallt, lila mit weißem Rüschenrand. Auch das erinnert an die alte Heimat.
Es ist nur ihr eigener, keuchender Atem zu hören. Ist hier noch jemand? Alles andere ist jetzt ausgeblendet. Bevor sie sich weiter darüber das Hirn zermartert, entweicht ihrer Kehle ein gellender Schrei. Dolores rennt raus, zum ersten Mal hat sie im Betrieb ihre Kaltschnäuzigkeit verloren und dabei die raue Schale abgeworfen.

***

Nadine hatte dem Jungen die Kapuze heruntergezogen. Er hat pechschwarzes, zotteliges Haar.
Gemeinsam sitzen sie auf ihrem Strohlager, und sie liest ihm vor. Wie schön - nach wie langer Zeit? - ein Buch in den Händen zu halten. Am Riemen seiner Umhängetasche ist ein silbernes Kettchen mit einem runden Anhänger befestigt, auf dem die Namen Martin - Marie - Markus eingraviert sind. 'Mar-Mar-Mar' - wie lustig, fast eine Zauberformel, dachte sie, als sie es kurz nach seiner Ankunft entdeckte. Ob er so heißt? Aber Marie? Wohl eher nicht. Er reagierte auf alle drei gleich: mit einem herzlichen Lachen. Dann durchsuchte sie den Inhalt der Tasche. Zum Vorschein kamen Malstifte, ein Schreibblock, mehrere Kinderbücher, eine Brotdose mit klein geschnittenen Äpfeln, eine Banane und Fruchtgummis - oh wie herrlich!