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Leseprobe für das Buch Die drei Urnen von Burg Katzenstein
20 nicht nur romantische Gruselgeschichten
von Willi Hüll, Huell:

Lara
'Hannah, mit wem redest du denn schon wieder?', fragte die Mutter ihre sechsjährige Tochter, als sie in das Kinderzimmer kam.
'Mit dem Mädchen, das hier in meinem Zimmer wohnt!'
'Welches Mädchen? Ich sehe niemanden.'
'Jetzt ist sie wieder weg!', sagte Hannah.
Besorgt sah Isabelle Burger ihre Tochter an, die unbeirrt mit ihren Puppen weiterspielte.

'Ich mache mir allmählich Sorgen!', erklärte Isabelle am Abend ihrem Mann ihre zunehmende Angst über das seltsame Verhalten ihrer Tochter.
'Vor zwei Wochen hat sie damit angefangen. Ich dachte zuerst, dass sie das Ganze nur geträumt hat und es wieder vergessen würde.'
'Meinst du nicht, dass das normal ist in diesem Alter?', entgegnete ihr Mann.
'Kinder haben eine rege Fantasie. Wenn sie keine Spielgefährten haben, erfinden sie diese ...'

'Machen Sie sich keine Sorgen!', versuchte Dr. Bender Isabelle zu beruhigen und bestätigte die Theorie ihres Mannes.
'Kinder in diesem Alter können zwischen Einbildung und Realität noch nicht unterscheiden. Ihre erfundenen Gefährten sind für sie so real wie eine Person aus Fleisch und Blut. Dieses Phänomen ist nicht selten in diesem Alter und verliert sich mit den Jahren ...'

Isabelle konnte nicht wirklich mit der Erklärung des Kinderpsychologen zufrieden sein, zumal sie inzwischen Dinge von ihrer Tochter erfuhr, die diese eigentlich gar nicht wissen konnte. Am Morgen hatte sie ihr gesagt, dass ihre imaginäre Spielkameradin erzählt hätte, dass der Stoffpapagei in ihrem Zimmer aus Mallorca stammen würde. Isabella war äußerst überrascht, weil sie dies selber gar nicht mehr gewusst hatte. Aber es war wirklich wahr! Diesen großen, bunten Papagei hatte sie aus ihrem ersten Urlaub im Alter von zwanzig Jahren aus Mallorca mitgebracht. Hatte sie dies irgendwann einmal ihrer Tochter erzählt?

''Erzähl doch bitte mehr von deiner neuen Freundin, Hannah!', sagte der Vater beim Abendessen.
'Sie ist jeden Abend bei mir! Und sie ist ganz nett.'
'Woher kommt sie denn?', wollte ihre Mutter jetzt wissen.
'Sie kommt von nirgendwo her. Sie wohnt hier!'
'Hannah, wir können sie aber nicht sehen! Kann es sein, dass du dir das alles nur einbildest? Sie existiert nicht wirklich! Sonst würden wir sie doch sehen!'
Hannah überlegte eine Weile.
'Sie kennt euch!', sagte Hannah plötzlich und beide Eltern schauten stumm auf ihre Tochter.
'Sie weiß, dass du Isabelle heißt und sie weiß, dass du Jens heißt!'
'Kannst du uns dann deine Kameradin einmal vorstellen?', fuhr der Vater mit einer gutgelaunten Stimme fort. Isabelle schaute ihren Mann verwundert an. Sie hatte keine Ahnung, was er damit bezwecken wollte.
...


Der Fotoapparat
'... am besten alles in einen großen Container! Wertlos! Selbst bei einem Flohmarkt bekommest du allerhöchstens so viel, dass dein Aufwand damit gedeckt ist!', erklärte Baumann seinem Freund Florian Engel.
'Auch das Haus ist nicht mehr in einem guten Zustand! Außerdem ist die Lage miserabel! Weit abgelegen und direkt neben der Autobahn. Nicht einmal der große Bauplatz ist interessant.'

Engel war enttäuscht. Zusammen mit seinem Freund Fred Baumann durchstöberte er den Nachlass seines Onkels Johannes Engel, der in den letzten Jahrzehnten buchstäblich alles, was er irgendwie geerbt, erworben oder gefunden hatte, in den vielen Räumen des geräumigen Hauses aufbewahrte.
'Das Einzige, was ich dir raten kann, wäre Folgendes: Besorg dir mehrere große Container und trenne die Metallteile von dem anderen Gerümpel. Somit kannst du eventuell mehr dabei verdienen, als die Container kosten', lautete der ernüchternde Vorschlag von Baumann.
'Du kannst das Zeug in deiner Zeitung in den Kleinanzeigen auch nicht loswerden?', fragte Engel inzwischen schon ziemlich resigniert.'
'Wo denkst du hin!', lachte Baumann. 'Glaub mir, die Leute wollen das nicht einmal geschenkt haben! Und jetzt überleg mal, das Niveau meiner Zeitung wird nicht gerade steigen, wenn ich in den Kleinanzeigen nur noch Müll anbiete. Nein! Ich muss dich enttäuschen. Das Zeug ist nichts wert!', schloss Baumann und vernichtete damit die letzten Hoffnungen von Engel.

'Diese vier Dinge würde ich mitnehmen. Was willst du dafür?', erkundigte sich Baumann, der in den letzten zwei Stunden eine alte ägyptische Shisha, einen antiken Globus, auf dem Australien noch nicht eingezeichnet war, eine Trompete und ein kleines Ölgemälde zusammengetragen und auf einen kleinen Tisch gestellt hatte.
'Das heißt, das wären dann die besten Stücke der Sammlung?', meinte Engel sarkastisch.
'Was würdest du dafür zahlen?', gab Engel die Frage zurück.
Baumann überlegte.
'Fünfzig Mark!', antwortete Baumann nach einer Weile knapp und wartete die Reaktion seines Freundes ab.
'Wenn du fünfzig Mark dafür bezahlst, ist es mindestens das Doppelte wert. – Achtzig!' Baumann antwortete nicht, er hatte plötzlich einen alten Fotoapparat in der Hand und begutachtete ihn.
'Achtzig Mark und du kannst die alte Kamera auch noch mitnehmen!', erneuerte Engel sein Angebot. 'Du sammelst doch Fotokameras!?!'
'Was soll ich damit?', fragte Baumann rhetorisch, drehte die Kamera in seinen Händen und betätigte mehrere Male die Mechanik.
'Sieh selbst, da ist nicht einmal ein Logo drauf! Eigentlich steht gar nichts drauf. Es kann sich nur um ein Plagiat handeln', sinnierte Baumann leise und drehte die Kamera in seinen Händen.
Sein Pokergesicht verriet nichts.
Beide starrten auf die antike Kamera.
'Mein Gott, ist dieses Ding schwer!'
Baumann wog den Apparat in seiner Hand.
Und während Engel von dem Argument langsam überzeugt wurde, war sich Baumann jetzt fast sicher, dass es sich bei der Kamera um eine Contax I handelte, die in den dreißiger Jahren in Dresden hergestellt und viele Jahrzehnte weltweit erfolgreich verkauft wurde. Er hatte nur keine Erklärung dafür, dass kein Logo darauf zu sehen war. Plagiate waren zu der Zeit noch nicht üblich ..., wusste Baumann.
'Einverstanden! Achtzig Mark!', sagte Baumann, und es hörte sich so an, als hätte er sich von seinem Freund breitschlagen lassen.

Baumann verstaute die Gegenstände in seinem Kofferraum. Neben der Kamera hatte er auch noch mehrere alte originalverpackte Filme, ebenfalls ohne Beschriftung, für die Kamera gefunden. Während der Heimfahrt überlegte er ...
Wirklich seltsam! – Wenn es ein Original wäre, würde der Name draufstehen. Wenn es ein Plagiat ist, dann auch. Wenn es kein Plagiat ist, müsste er den Namen einer anderen Firma darauf finden?!? Wer kopiert heute eine Kamera aus den dreißiger Jahren?
Dann fand er eine Erklärung für das Fehlen des Logos und der weiteren Beschriftungen und begann zu triumphieren!
Es musste sich hierbei um einen der Prototypen der erfolgreichen Marke handeln. Er hatte sich von Beginn an gewundert, dass der Apparat noch eine Reihe von Zusatzfunktionen hatte, die später wahrscheinlich wegrationalisiert wurden. Auf den Prototypen wurde nie das Logo aufgedruckt. Wenn dem so wäre, dann wurde sie ausschließlich von Hand hergestellt und musste somit von höherer Güte sein. Die Massenproduktion zu damaliger Zeit war qualitätsmäßig minderwertiger.
Ein Liebhaber würde für dieses Stück eine schöne Summe Geld zahlen. Sein Freund hatte das nicht gewusst. Baumann wusste auch, bei welchen Auktionen man das meiste Geld dafür herausschlagen konnte. Er begann zu schmunzeln. Auf diesem Gebiet war er ein Fuchs. Sein Verlag lief nicht so gut.
Zu Hause ging er sofort in den Keller, wo er die Kamera mit mehreren anderen Contax I-Kameras verglich, die in seiner Sammlung waren. Diese waren nicht mehr funktionsfähig und zum Teil auch nicht mehr ganz vollständig. Dennoch, der Vergleich verwirrte ihn. Die schwere Kamera wies zu viele grundsätzliche Unterschiede auf. Nein! Es war keine Contax! Er musste etwas ganz Besonderes ergattert haben, dessen Preis eventuell sogar ungeahnte Höhen erklimmen konnte ...
Dann ging er in sein Wohnzimmer setzte sich auf das Sofa und untersuchte die alte Kamera ein weiteres Mal. Wieder wunderte er sich, wie schwer der Apparat war. Dann legte er einen neuen Film ein. Er musste das Gerät testen. Der Wert stieg auch mit der Funktionstüchtigkeit des Apparates.

Baumann richtete den antiquierten Fotoapparat auf die moderne Uhr an der gegenüberliegenden Wand, stellte die Schärfe am Objektiv ein und drückte ab. Er schoss dann noch mehr Bilder, indem er die Kamera in andere Richtungen hielt. Dann fotografierte er den Tisch und andere Möbelstücke und begab sich auf die Terrasse, um den Garten abzulichten. Die Mechanik funktionierte hervorragend! Und ohne Logo oder sonst einer Aufschrift musste es ein Prototyp sein!
Da er nur herausfinden wollte, ob auch die Optik der Kamera in Ordnung war, spulte er den Film an sein Ende, entnahm den Film mit den wenigen Bildern und begab sich in seine Dunkelkammer im Keller.
Er bereitete alles vor und legte anschließend den Film zunächst in das Entwicklerbad, von dort in eine verdünnte Essigsäure und daraufhin in das Fixierbad. Als die Negative getrocknet waren, machte er von jedem Foto einen Positiv-Abzug.
Gegen Abend saß er wieder in seinem Wohnzimmer und begutachtete das Ergebnis. Er war von der Qualität beeindruckt! Die Optik des Fotoapparates funktionierte ebenfalls ausgezeichnet. Die Schwarz-Weiß-Bilder waren gestochen scharf!
Baumann überlegte erneut, wie er herausfinden konnte, wie viel er für die Kamera bekommen könnte, als er plötzlich stutzig wurde ...
Er saß jetzt genau an der Stelle, von wo aus er das erste Foto von der Wanduhr geschossen hatte. Dieses Foto hielt er jetzt in der Hand. Auf dem Sofa lag noch sein Mantel, den er, nachdem er nach Hause gekommen war, salopp über das Sofa geworfen hatte. Er hatte ihn noch nicht aufgeräumt. Er war auch allein zu Hause. Seine Frau war mit den Kindern über das verlängerte Wochenende bis Dienstag zu ihren Eltern gefahren.
Baumann starrte auf das Foto. Darauf war der Mantel nicht zu sehen! ...


Lucienne
Claude wusste nicht mehr, wie lange er schon vor dem Spiegel stand. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Haut war welk und grau und er fragte sich, warum denn nicht endlich die Welt unterginge. Sein Spiegelbild war ihm fremd. Seine Augen verrieten, dass er krank war. Sehr krank. Erfüllt mit einer leidenschaftlichen Todessehnsucht ...

Er hatte sie abgöttisch geliebt.
Obwohl sie ihm nie den Anlass dazu gab, war er eifersüchtig. Überall zog sie die Blicke auf sich. Auf jeder Party, im Restaurant, im Kino, im Theater, überall wurde sie begehrlich angesehen.
Lucienne war sehr gebildet, hatte studiert, sprach nicht weniger als vier Fremdsprachen fließend.
Sie war eine Adlige, Nachfahrin eines alten Geschlechts, hatte sehr reiche Eltern, die ihr alles hätten geben können. Vor allen Dingen einen Prinzen.
Sie hatte sich für ihn entschieden. Er war Automechaniker von Beruf. Und seit er sie kannte, schämte er sich deswegen.
In ihrer illustren Gesellschaft fühlte er sich nicht wohl. Den teuren Anzug, den er dann trug, hatte sie ihm geschenkt. Er konnte zwar den Diskussionen unter den Herren Physikern, Philosophen und Junior-Managern folgen, hütete sich aber davor, irgendetwas zu sagen. Nie und nimmer würde er den Gesprächsteilnehmern etwas Neues erzählen. Eher konnte er sich mit peinlichen Fragen oder Bemerkungen jämmerlich blamieren. Sie gab vor, seine Eigenschaft geduldig zuhören zu können sehr zu schätzen. Nicht verborgen blieben ihm die Seitenblicke der anderen, die sich alle darüber wunderten, wie sie sich für einen wie ihn entscheiden konnte.
Wenn er sie berührte, hatte er Angst, ihr mit seinen kräftigen Händen weh zu tun. Rücksichtsvoll und zärtlich sei er, hatte sie gesagt.
Dass ihre Eltern gegen ihn waren, sagten sie nicht direkt, ließen es ihn aber spüren. Er wunderte sich nicht darüber. Lucienne meinte nur, dass es nicht ihr Problem sei, und sie sich schon an ihn gewöhnen würden. Er mochte es gerne glauben. Nie würde er aber das Odium des Erbschleichers widerlegen können.

Seine Liebe zu ihr hatte inzwischen beängstigende Ausmaße angenommen. Während ihrer Abwesenheit zählte er die Minuten, bis er sie wieder sehen konnte. Ab und zu gestand er ihr seine exzessive Sehnsucht und seine inzwischen quälende Eifersucht und gab auch gleichzeitig zu, dass es sehr dumm war, aber er könne eben nichts dafür.
'Dann müssen wir heiraten!', schlug Lucienne allen Ernstes vor. 'Dann haben wir es notariell, dass wir zusammen gehören', bekräftigte sie eines Abends beim Dinner mit Kerzenlicht. Sie äußerte es mit einer derartigen Ernsthaftigkeit, dass er langsam selber das Unvorstellbare glauben wollte. Außerdem eröffnete sie ihm, dass sie ein Kind von ihm wolle.

Vor sieben Tagen war die Beerdigung von Lucienne de Blanchard.

Claude brauchte lange, bis er nur annähernd realisierte, was geschehen war. Bei einem Reitunfall hatte sie sich schwerste innere Verletzungen zugezogen, dass die Ärzte den Angehörigen keine Hoffnungen mehr machen konnten. Als sie totkrank darniederlag, wich er kaum noch von ihrem Bett. Jeden Abend musste er sanft aufgefordert werden, das Krankenhaus zu verlassen. Kurz vor ihrem Tod erlangte sie für eine kurze Zeit wieder das Bewusstsein. Er war bei ihr. Vorsichtig trocknete er den Schweiß auf ihrer heißen Stirn. Sie sah ihn an und versuchte zu lächeln. Er weinte bitterlich und flüsterte immer wieder ihren Namen. Dann schloss sie die Augen und atmete nicht mehr.
Viele versuchten ihn zu trösten in den darauffolgenden Tagen. Sogar die Eltern seiner geliebten Lucienne.
Ihre Beerdigung erlebte er in einer schlimmen Trance. Seine Kleiderordnung und sein unsicherer Gang ließen viele vermuten, dass er betrunken war.

Dann räumte er hastig alles, was an sie erinnerte, aus seiner Wohnung. Ihre Bilder, ihre Zahnbürste, die Kleidungsstücke, die sie immer wieder vergaß. Anschließend meldete er sich von der Arbeit ab, holte sein gesamtes Geld von der Bank und reiste nach Paris.
Für vier Wochen quartierte er sich bei Pigalle, einem Vergnügungsviertel in Montmartre, in einem Mittelklassehotel ein.
Vier Tage später saß er wieder im Zug und fuhr zurück nach Châteaubriant. Weder tagsüber noch abends fand er Zerstreuung. Alles erinnerte ihn an Lucienne. Die Nächte waren noch schlimmer. Immer wieder träumte er, dass sie nachts im Sturm und Regen vor dem Haus frierend an die Tür und an die Fenster klopfte und verzweifelt nach ihm rief.
Und immer wenn er dann erwachte, übermannte ihn eine Hilflosigkeit und eine unbeschreibliche Sehnsucht nach ihr, dass er fast den Verstand verlor.
Mit jedem Kilometer, den der Zug näher an seinen Heimatort kam, fühlte er sich seiner Geliebten näher.

Lange stand er zu Hause vor dem Spiegel und betrachtete die Person, die ihm inzwischen so fremd erschien.
Was wäre gewesen, wenn er in jener Nacht nicht an diesem 'Théâtre de Verre' vorbeigekommen wäre, vor dem er ihr zum ersten Mal begegnete? Wie hätte sich alles entwickelt, wenn nach der Aufführung ihr Auto angesprungen wäre? ...