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Leseprobe für das Buch Im Zeichen des Fisches
Eine Geschichte um Freundschaft im römisch-germanischen Grenzgebiet
von Stefanie Lutz:

Im freien Germanien
Nachdem Baldwin wieder völlig gesund war, etwa vier Wochen nach seinem Sturz, überbrachte uns Armin eine Einladung von Arnulf dem Clanchef, der sich persönlich bei uns für die Rettung seines Sohnes bedanken wollte. Also packten wir ein paar warme Kleider ein und Gastgeschenke in Form von Nahrungsmitteln für Baldwins Familie. Dann fuhren wir los, alle zusammen, inklusive Lupus und Luna, in Armins Wagen. Er hatte seine beiden und unsere zwei Pferde vor seinen Wagen gespannt, weil es einfach sicherer war mit dieser geballten Ladung von vier Pferdestärken durch den Schnee zu kommen. Die römische Straße bis zum Limestor war weitgehend schneefrei, aber im freien Germanien mussten sich die Pferde durch den etwa zwei handbreit hoch liegenden Schnee durchkämpfen. So kamen wir nur langsam voran, was uns aber nicht störte, konnten wir doch die Landschaft mehr genießen. Da wir sehr früh am Morgen aufbrachen, lag noch der Nebel wie ein dicker Schleier über den Hügeln, Wäldern und Tälern. Es war, als ob wir in eine geheimnisvolle andere Welt eintauchten, die uns nur kurz einmal einen genaueren Blick in sich gewährte, denn ab und zu lichteten sich die Nebelschwaden und Baumreihen waren zu erkennen, die dann urplötzlich wieder verschwanden, als ob sie nie da gewesen wären.
Hin und wieder ertönte der Schrei einer Eule oder eines Käuzchens. Die Luft war eiskalt und wir saßen dicht aneinandergedrängt und mit Fellen zugedeckt auf dem Wagen, während unsere Pferde stetig vorwärtstrabten. Mit der emporsteigenden Sonne färbten sich die Wolkenfetzen am Himmel in wunderschönes Blassrosa, Orange und Gelb und wir sahen und hörten Raben, die über uns hinwegflogen. Die Sonnenstrahlen leckten nach und nach die Nebelschwaden auf und wir konnten Füchse sehen, die über die verschneiten Wiesen liefen, auf der Suche nach Nahrung. Auch erkannten wir Rehe, die am Waldrand ästen und uns zwischendurch neugierige Blicke zuwarfen. Ein kleines weißes Hermelin huschte über die Schneefläche, um dann plötzlich in einem Loch zu verschwinden. Das letzte, was wir von ihm sahen, war seine schwarze Schwanzspitze. Der Schnee, der in allen Farben schimmerte, knarzte unter den Rädern unseres Wagens, die uns immer weiter ins wilde freie Germanien rollten. Wir waren neugierig und gespannt, was uns da wohl so alles erwarten würde und lachten und scherzten miteinander, froh und dankbar, zusammen zu sein. Etwa um die Mittagszeit kamen wir in der germanischen Siedlung an, die oberhalb eines kleinen Flusses lag. Sie bestand aus zwanzig Langhäusern und war von einem Palisadenzaun umgeben. Armin erklärte, dass das nicht unbedingt bei allen Siedlungen der Fall sei, sondern nur bei denen, die in Grenznähe zum Römischen Reich lägen. Normal seien es nur lose, ungesicherte, ungeplante Siedlungen, die aus einzelnen Bauernhöfen mit ihren Gärten und Ackerflächen bestanden. Städte nach dem Vorbild der Römer gäbe es bei den freien Germanen nicht.
Er fuhr uns bis vor das größte Gebäude in der Siedlung, das etwa acht Meter breit und dreißig Meter lang war. Arnulf, Berengar und Hildegund kamen strahlend auf uns zu und streckten ihre Arme zur Begrüßung aus. Es gab ein großes freudiges Hallo und was ich richtig gut fand, war, dass sie Latein sprachen, zwar nicht so perfekt wie Armin, Adelberga und Baldwin, doch gut genug, um sich mit uns unterhalten zu können. Dann führten sie uns hinein in ihr Haus, während Armin, Baldwin und Berengar den Wagen entluden und dann alles ins Haus trugen. Dieses bestand aus einem dreischiffigen Holzgerüst, in dem die Dachbalken von zwei Reihen Holzsäulen getragen wurden. In manche dieser Balken waren Tierfiguren geschnitzt. Ich bemerkte, dass der Bär besonders oft dargestellt war. Die Wände bestanden aus Lehm, der auf das Flechtwerk geworfen worden war, daher kommt auch das Wort 'Wand' von winden, flechten, wie Armin uns erklärte. Das Dach war mit Stroh gedeckt. Es gab zwei sich gegenüberliegende Türen an den Langseiten des Hauses. Fenster wie in römischen Häusern waren nicht vorhanden, nur so kleine Luken, Windaugen, wie sie die Germanen nannten, um frische Luft hereinzulassen. Das ganze Haus bestand aus zwei Haushälften, die durch eine Wand voneinander abgetrennt waren. In der einen befand sich der Wohnraum für die Menschen, in der anderen, mit Boxen unterteilt, der Stall für das Vieh: Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Hühner. Armin erklärte uns, dass die Tiere viel Wärme abgeben, und so müsse man auch im Winter nicht frieren. Ein Rind war außerdem so viel wert wie ein Sklave, also musste man besonders auf die Tiere aufpassen. In der Mitte des großen Wohnraumes befand sich das Herdfeuer, eine offene Feuerstelle, auf der gekocht und gebraten wurde, die den Raum heizte und Licht spendete. Darüber im Dach befand sich ein Loch, so dass der Rauch abziehen konnte. Ich blickte nach oben und sah, dass die ganzen Holzbalken alle rußgeschwärzt aussahen. Eine römische Wand- und Fußbodenheizung kannten die Germanen jedoch nicht. Hier in diesem großen Raum lebte die ganze Großfamilie, also Arnulf, Hildegund, Berengar, ihre Knechte und Mägde und ihre Sklaven. Privatsphäre für den Einzelnen, wie wir Römer es gewohnt waren, gab es nicht. Hier in diesem Raum wurde gelacht, geweint, die Kinder geboren und gestorben. Wir staunten nicht schlecht. An den Wänden befanden sich fellbedeckte Podeste, auf die wir uns alle setzten und die nachts auch als Schlafgelegenheit dienten. Arnulf nahm auf dem einzigen Stuhl Platz, als Herr des Hauses. Die Sklaven trugen zuerst einen Tisch herein und danach das Mittagessen. Über der Herdstelle hing ein Ferkel am Spieß und wurde von einer Sklavin langsam gedreht, sodass es nicht anbrannte oder nur einseitig garte. Der Duft strömte schon verlockend durch den ganzen Raum und wir merkten, wie hungrig wir von der Fahrt waren. Zuerst gab es in einfachen Tonschüsseln einen warmen Brei, bestehend aus zerstampfter in Wasser gekochter Gerste mit Honig, Nüssen und getrockneten Walderdbeeren, den wir nach einem kurzen Tischgebet genossen. Der Brei schmeckte köstlich und ab diesem Tag aßen wir ihn auch in Gamundia des Öfteren. Dazu wurden uns Wasser, Bier und der bei den Germanen so beliebte Met gereicht, eine vergorene Mischung aus Honig, Wasser und Hefe. Wir Kinder durften natürlich davon nichts trinken und meine Eltern genossen ihn nur in Maßen. Als nächstes gab es harten Käse, einen gekochten Erbsen- und Bohnenbrei, dünne Brotfladen und das am Spieß gebratene Ferkel. Mehr und mehr Stammesleute kamen herein und setzten sich dazu, aßen, tranken und feierten mit uns. Es wurde viel geredet, gescherzt und gelacht und der Lärmpegel stieg an, je länger das Fest dauerte. Mir fiel auf, dass die Germanen doch um einiges größer waren als wir Römer und dass sie nicht nur blondes Haar hatten, sondern auch braunes und rötliches. Ein Mann stach aus der Gruppe besonders hervor. Er sah so anders aus als die anderen, er schien mir irgendwie grimmig und hasserfüllt zu sein. Er hatte langes zottiges, braunes Haar, buschige Augenbrauen, sehr dünne Lippen, die seinem Gesicht einen überheblichen Ausdruck verliehen, und einen stechenden Blick. Es waren die kältesten Augen, die ich je gesehen hatte, und trotz der Wärme im Raum liefen mir eiskalte Schauer den Rücken herunter. Auf der Oberseite seiner Unterarme bemerkte ich zwei aufgemalte Schlangen in rot und schwarz, deren Köpfe auf den Handrücken ihre Mäuler weit aufrissen, zum Zubeißen bereit. Er hatte allerlei Knochenamulette und Metallteile an seinem Ledergewand, die bei jeder Bewegung leise klirrten. In der Hand hielt er einen mannshohen Holzstab, in Form einer Schlange. Ich stupste Baldwin an und fragte leise: 'Wer ist denn dieser unangenehme Kerl da hinten?'
'Das ist Ragnar, der Schamanenpriester des Dorfes. Er führt die Opfer durch für die Götter und wirft Runensteine, um die Zukunft vorauszusagen. Ein wirklich unangenehmer Geselle. Komm ihm nicht zu nahe, er hasst alle Römer und liegt daher immer mit meinem Vater im Streit, weil der mit den Römern ein gutes Verhältnis will. Ragnar sagt, das sei Verrat an unserem Volk. Von den Römern käme nichts Gutes. Jetzt hat ihm Vater den Mund gestopft, schließlich habt ihr Römer ja mich, den Germanen, vor dem Tod bewahrt. Da kann Ragnar nichts mehr sagen und das macht ihn nur noch wütender.'
Das Fest ging bis tief in die Nacht hinein, Dulcia war im Schoss meiner Mutter eingeschlafen, Baldwin und ich schlichen uns irgendwann einmal nach draußen, um frische Luft zu schnappen und etwas Ruhe zu haben. Tat das gut, die eiskalte Nachtluft nach all dem Qualm! Über uns glitzerten die Sterne und der Mond stand als dünne Sichel über dem Hügel. Ein Käuzchen schrie warnend in die Nacht. Wir zuckten zusammen. Da hörten wir auf einmal Stimmen, die miteinander stritten. Schnell versteckten wir uns hinter der Hausecke und lauschten. Es hörten die Stimmen von Arnulf und Ragnar. Gerade sagte Arnulf: 'Ich warne dich, Ragnar, wenn du dieser römischen Familie auch nur ein Haar krümmst, wirst du das bitter bereuen. Ich werde dich aus dem Stammesverband ausschließen, du weißt, was das bedeutet: kein Schutz, keine Hilfe, keine Rückendeckung.' Ragnar zischte zurück: 'Die Götter haben gesagt, dass diese Römer uns Unglück bringen, ich habe es in den Runen gelesen.' Arnulfs Stimme wurde spöttisch: 'Was du nicht sagst, Rrragnarrrr', und dabei dehnte er die Buchstaben, so dass es wie das Knurren eines Wolfes klang, 'diese Römer haben mein Kind vor dem Tod bewahrt, das soll Unglück sein? Du bist nicht ganz bei Trost! Und seltsam, seltsam, deine Götter sagen immer nur dann etwas, wenn es dir gelegen kommt und in deinen Kram passt. Das ist doch sehr verdächtig, findest du nicht auch?' Arnulf drehte ihm abrupt den Rücken zu. Wir hatten den Eindruck, er brauche diesen Moment, um seinen Zorn im Zaum zu halten. Mit einer heftigen Bewegung schritt er auf Ragnar zu und packte diesen an seinem ledernen Gewand unterhalb des Halses. Mit drohender Miene knurrte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen: 'Du hast in diesen Runen gelesen, dass mein Sohn Baldwin von einem Bären zerrissen worden ist, das hat meiner Hildegund und mir fast das Herz gebrochen. Ha!', stieß er ihn weg. 'Und jetzt ist mein Sohn bei mir, gesund und munter! Er war in eine Grube gefallen. Lass mich bloß zufrieden mit deinen Runen und deinen falschen Göttersprüchen. Ich warne dich noch einmal! Lass die Finger weg von dieser Familie oder du bezahlst dafür.' Arnulf packte Ragnar grob an der Schulter und knurrte ihn an: 'Hast du mich verstanden?'
'Ja, ja', zischte der zwischen seinen dünnen zusammengepressten Lippen hervor, wand sich aus Arnulfs Griff und verschwand in der Dunkelheit. Baldwins Vater machte kehrt und ging ins Langhaus zurück. Wir beide blickten uns an und machten ebenfalls, dass wir 'Land gewannen', da wir mit Ragnar nicht zusammentreffen wollten. Als wir wieder in den Wohnraum kamen, sahen wir, dass die Gäste bereits gegangen waren und die Mägde und Sklavinnen aufräumten, um die Nachtlager herzurichten.
Mama und Dulcia lagen beisammen, und Papa und ich legten uns zusammen, wobei unsere Köpfe sich an den Scheiteln berührten. Wir beteten miteinander und dankten Jesus für die gute sichere Fahrt, für die Menschen, die wir hier getroffen hatten und mit denen neue Freundschaften entstanden sind und für das gute, reichliche Essen. Dann fing Mama an unser Gute- Nacht-Lied zu singen und Papa und wir beiden Kinder stimmten mit ein: 'Jesus, mein Jesus, ich danke dir, dass du immer, immer bist bei mir. Jesus, mein Jesus, ich danke dir, dass du immer, immer bist bei mir. Ich danke dir für die Freude und das Lachen, dass du mich sicher geführt an deiner Hand. Und jetzt nimm mich ganz fest in deine Arme und bring mich rüber ins Traumland.‘‘ Die Töne stiegen auf wie die Funken aus der Feuerstelle und breiteten sich in dem ganzen Raum aus, bis hinein in den Teil, in dem sich das Vieh befand. Außer der Musik war kein Laut mehr zu hören. Wo vorher noch rumgenestelt, geflüstert und gekichert worden war und die Ketten der Tiere geklirrt hatten, herrschte jetzt Ruhe. Es kam uns so vor, als ob alles Leben hier in dem Haus für einen kurzen Moment den Atem angehalten hatte und jeder Ton in die Herzen der Bewohner gefallen wäre, um dort die Liebe und den Frieden von unserem Herrn Jesus hineinzubringen. Danach schliefen wir selig ein. Ein paar Stunden später erwachte ich, weil ich dringend austreten musste. Leise stand ich auf, hüllte mich in meinen wollenen Kapuzenmantel und ging draußen zu der Stelle am Palisadenzaun, die Armin uns gezeigt hatte. Es wurde langsam hell. Als ich fertig war und mich umdrehte, um zurückzulaufen, stand Ragnar vor mir. Er funkelte mich aus seinen hasserfüllten Augen böse an, während er mit seinem Schlangenstab vor mir herumfuchtelte und irgendetwas brabbelte, das ich nicht verstand. Ich erschrak zutiefst und spürte, wie sich die kleinen Härchen an meinem Nacken aufstellten. Mein Herz klopfte und raste! Da kam mir auf einmal die Geschichte in den Sinn, in der der junge David vor dem Riesen Goliath stand und Gott ihm den Sieg über Goliath geschenkt hatte. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Jesus hilf mir! Dann schaute ich Ragnar ganz fest in die Augen und rief laut: 'Im Namen von Jesus Christus, verschwinde Ragnar!' Die Worte unterbrachen die Stille der frühen Morgenstunde. Der Stab fiel Ragnar aus der Hand und zerbrach in zwei Teile. Mit vor Schreck geweiteten Augen stierte er zuerst auf seinen zerbrochenen Schlangenstab und dann auf mich, drehte sich um und rannte mit Riesenschritten davon. Von meinen lauten Worten aus dem Schlaf gerissen, kamen mein Vater, Arnulf, Baldwin, Berengar und Armin und noch ein paar Alamannen auf mich zugerannt. 'Was ist los, Faustus? Ist alles in Ordnung mit dir? Bist du verletzt?', sprudelte es aus meinem Vater heraus. Er legte mir fürsorglich seine warme Hand auf die Schulter. Ich sah ihn an und antwortete: 'Ragnar stand plötzlich vor mir, hat wie von Sinnen etwas gebrabbelt, was ich nicht verstand, und mit seinem Stab vor mir wie wild herumgefuchtelt. Da habe ich mich an David erinnert, vor Goliath, Vater, und habe Jesus angerufen, dass er Ragnar verjagen soll. Und stell dir vor: Dem ist sein Schlangenstab aus der Hand gefallen, als ob er auf einmal kochend heiß geworden wäre, und auf dem Boden zerbrochen. Sieh doch, Papa!' Dabei zeigte ich ihm die zwei zerbrochenen Teile im Schnee. 'Dann nahm der Kerl die Beine in die Hand und rannte panisch davon.' Die Germanen schauten staunend von mir auf die beiden Stabteile, die vor ihnen im Schnee lagen. Arnulf zog tief die Luft in seine Lungen ein und ließ sie beim Ausatmen zwischen seinen Zähnen hindurchpfeifen. Dabei schüttelte er fassungslos den Kopf, blickte seinen Bruder Armin an, der genauso fassungslos war wie er selbst, dann wieder auf mich und sagte langsam, jedes Wort betonend: 'So etwas hat es bei uns noch nie gegeben. Ragnar hat hier im Dorf fast jedem Angst gemacht. Mir musste er sich beugen, weil ich der Clanchef bin und Macht über ihn habe. Faustus, du hast den Stab seiner Macht gebrochen. Ragnar hat keine Macht mehr.'
'Nein, nein', entgegnete ich Arnulf, 'Jesus hat das getan, der Sohn des lebendigen Gottes! Ich kann sowas nicht tun, aber Jesus kann alles machen und er hat Ragnar besiegt. Jesus hat das Böse besiegt.' Mein Vater nickte bekräftigend: 'Ja, so ist es, mein Sohn.' Dann legte er mir die Hand auf die Schulter und wir gingen alle zurück in die Langhäuser, bis auf die fünf Männer, die Arnulf ausschickte, um Ragnar zu suchen und ihn gefesselt zu ihm zu bringen. Als wir zur Türe hineinkamen, bestürmten uns die Frauen mit Fragen und Mutter umarmte mich inniglich: 'Gott sei Dank, dass ich dich gesund und munter wiederhabe. Danke, danke, danke Jesus!' Dann musste ich die ganze Geschichte noch einmal erzählen und die Reaktion der Frauen war genauso wie die ihrer Männer: Staunen, Fassungslosigkeit und die Erleichterung, Ragnar los zu sein. Da wir alle nach dieser nächtlichen Aufregung viel zu wach waren, um wieder einschlafen zu können, schürten die Sklavinnen das Feuer und bereiteten zusammen mit den Mägden das Frühstück, das wieder aus gekochtem Gerstenbrei mit Honig, Nüssen und Beeren bestand. Wir hatten gerade fertig gegessen, als die fünf Männer, die Arnulf ausgeschickt hatte, mit dem gefesselten Ragnar durch die Tür kamen. 'Wir haben ihn gefunden, Arnulf. Er wollte gerade über den Fluss setzen, da haben wir ihn gestellt', berichtete einer der Männer. Arnulf erhob sich aus seinem Stuhl, zog in aller Ruhe sein Schwert aus der Scheide am Gürtel. Im Feuerschein glänzte die Klinge rötlich. Ganz langsam und drohend ging er auf den Schamanen zu, der am ganzen Leib zitterte und ihn angstvoll anstarrte, kaum zu atmen wagte. Arnulf zielte mit der Schwertspitze auf Ragnars Kehlkopf. 'Habe ich dich nicht ausdrücklich davor gewarnt, unseren Gastfreunden zu nahe zu kommen?' Und dann brüllte er den Gefesselten an wie ein wilder Eber: 'Habe ich nicht?' Ragnar zitterte noch mehr und presste ein jämmerliches: 'Ja, das hast du' heraus. 'Warum hast du meinen Befehl nicht befolgt? Du hast unsere Gastfreunde beleidigt und damit auch mich. Dafür verbanne ich dich aus diesem Stamm. Ich entziehe dir unseren Schutz und alle Rechte, die du bei uns gehabt hast. Verschwinde von hier und lass dich nie mehr wieder blicken. Wer dich findet, kann von nun an mit dir machen, was er will, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.' Sich zu den fünf Männern wendend, befahl er: 'Ihr bringt ihn vor das Dorftor und schließt es hinter ihm demonstrativ wieder zu.' Die fünf nickten, packten Ragnar, der nur noch ein jammerndes und winselndes Häufchen Elend war, und schubsten ihn unsanft nach draußen. Dann wandte sich Arnulf zu uns um, packte Vaters Arm und sagte: 'Fortunatus, es tut mir sehr leid, dass Faustus in diese Lage gekommen ist. Ich …' Vater unterbrach ihn gleich: 'Arnulf, mein Freund, es war nicht deine Schuld. Mein Sohn ist wohlauf, Dank Jesus. Und jetzt lass uns auf die Jagd gehen, wie wir gesprochen haben.' Arnulf nickte erleichtert. Er, mein Vater, Armin, Berengar und weitere sechs Männer warfen sich ihre Wollumhänge über, holten ihre Waffen, Speere und Bögen, schnallten sich die Köcher um und verließen das Dorf, angeführt von Armin, dem besten Fährtenleser. Baldwin und ich mummelten uns ebenfalls ein und schnappten lange Holzstöcke, deren Knochenspitzen mit vielen Wiederhaken versehen waren. Wir gingen zu dem alten Knecht, den alle nur 'Otter' nannten, weil er der beste Fischer des Dorfes war, so flink wie ein Otter und ebenso erfolgreich beim Fische fangen. Zusammen stapften wir zum Fluss, dessen Ränder bereits vereist waren, in dessen Mitte aber das Wasser noch floss. Dicke Weiden standen am Ufer und eine von ihnen war von einem Sturm umgerissen worden und lag über dem Fluss wie eine Brücke. Biber hatten ein Stück ober- und unterhalb das Wasser gestaut, so dass es nur sehr langsam abfloss; ein wunderschöner und friedlicher Ort. Viele Vögel hopsten durch die Zweige der Bäume und Sträucher, in denen noch vereinzelt rote Beeren, Schlehen und Hagebutten hingen. Auf einmal tauchte eine Wildkatze aus einer Höhle bei einem dicken Baum auf und ging auf die Jagd. Wir beobachteten, dass sie auf einen Baum kletterte, sich auf einem Ast duckte und plötzlich wie ein Pfeil auf einen Vogel losschoss. Ehe ich mich versah, wurde er von der lautlosen Jägerin gepackt und stolz erhobenen Hauptes davongetragen.
Der alte Mann zeigte uns, wo die Fische schwammen, unter den Wurzeln der Bäume, die ins Wasser ragten. Ebenso plötzlich wie vorher die Wildkatze stieß er mit seinem Fischspeer ins Wasser, um ihn mit einem Fisch an der Spitze hängend herauszuziehen. Ich staunte! Das Ganze war in Windeseile vonstattengegangen. Otter hatte wirklich einen Blick für Fische. Baldwin und ich probierten es auch, stachen aber immer daneben, während der alte Mann einen Fisch nach dem anderen herauszog. Er lachte und entblößte dabei seinen fast zahnlosen Mund. 'Ja, ja, meine Jungs, das nennt man Erfahrung und Übung. Wenn ihr mal in mein Alter kommt und so viel gefischt habt wie ich, dann habt auch ihr den Dreh raus.' Er kicherte in sich hinein. 'Auf, auf, ihr zwei, nicht nachlassen.' Seine grünen Augen strahlten in dem runzligen Gesicht. Und so stachen wir weiter, bis wir tatsächlich einige Stunden später ebenfalls zwei Fische erwischten. Otter hatte seine fünfzehn Fische auf einen Lederriemen aufgefädelt, den er sich über die Schulter warf. Wir zwei und Otter hatten den ganzen Nachmittag viel Spaß gehabt und als wir wieder im Langhaus ankamen, waren wir froh, ganz nahe am Feuer sitzen zu können, um uns aufzuwärmen. Mutter hatte einen Kräutertee mit Honig für uns bereitet und so saßen wir mit den dampfenden Schalen in den kalten Händen und schlürften den heißen Tee ganz langsam. Es war wunderbar zu spüren, wie die Wärme sich in meinem Körper ausbreitete. Freudestrahlend präsentierten wir unsere beiden Fische, die von einer Magd sogleich ausgenommen, auf zwei Spieße gesteckt und nahe am Feuer in die Erde gedreht wurden, so dass die Hitze sie garte. Immer wieder wendete sie die Fische, damit sie auch ja gleichmäßig brutzelten. Dazu gab es dünne Brotfladen. Baldwin und ich fielen über das Essen her, hatten wir doch seit dem Frühstück nichts mehr gehabt. Dulcia blickte uns aus ihren rehbraunen Augen sehnsüchtig an und klimperte mit ihren langen wunderschönen Wimpern. Das klappte immer. Wir zwei Jungs schauten uns verständnisvoll grinsend an und dann gaben wir meiner Schwester von unserem Essen auch etwas ab. Sie freute sich sehr und gab jedem von uns einen dicken Kuss auf die Wange. Wir beide liebten sie sehr und konnten ihr einfach nichts abschlagen - sie wusste das.
Der Tag ging zur Neige, die Sonnenstrahlen färbten den Himmel in ein leuchtendes Orange, dann brach die Nacht herein. Kurze Zeit später kamen die Männer von ihrer äußerst erfolgreichen Jagd zurück. Sie berichteten uns, wie sie der Spur eines einzelnen Hirsches gefolgt waren und ihn dann gemeinsam erlegt hatten. An Ort und Stelle hatten sie ihn bereits zerlegt und das Fleisch auf die Männer zum Tragen verteilt. Berengar trug das Fell, das später von den Frauen gegerbt und somit haltbar gemacht wurde. Eine Hälfte des Hirschgeweihs bekam mein Vater als Andenken an die Jagd, die andere wurde von Arnulf mit einem Lederstreifen über einem der Windaugen aufgehängt, gut sichtbar für alle. (In Gamundia befestigte Vater seinen Teil des Geweihs ebenfalls über einem Fenster.) Die Mägde und Sklavinnen schnitten das Hirschfleisch in dünne Streifen und hängten es hoch über die Feuerstelle, damit es trocknen konnte und auch geräuchert wurde, so dass es über längere Zeit haltbar blieb. Die Innereien zerkleinerten sie und legten sie in einen großen Metallkessel, fügten Bier, Bohnen, Kräuter und Beeren dazu und ließen das ganze über dem Feuer garen. Es wurde ein herrliches Festessen! Bier und Met flossen wie bereits am Vorabend reichlich und die Jäger mit ihren Frauen und Kindern taten sich daran gütlich. Am nächsten Morgen hieß es dann Abschied nehmen. Das Wetter hatte sich verändert, die Sonne versteckte sich hinter dicken grauen Wolken und es roch nach Schnee. Arnulf, Armin und mein Vater hatten besprochen, dass es am besten sei, schnell aufzubrechen und so viel wie möglich Strecke hinter uns zu bringen, bevor wir in einen Schneesturm geraten und vom Weg abkommen könnten. So verabschiedeten wir uns nach dem Frühstück ganz herzlich von unseren neuen Freunden und fuhren in den grauen trüben Morgen. Das Wetter hielt bis kurz vor der Grenze zum Römischen Reich, dann aber setzte der Schneesturm mit voller Wucht ein. Dicke Flocken wurden vom Wind in unsere Gesichter und in die der Tiere gepeitscht. Wir zogen unsere wollenen Umhänge ganz eng um uns herum und die Kapuzen tief in die Gesichter und deckten uns mit den Fellen zu. Armin kletterte vom Wagen, führte die Pferde am Zügel und sprach beruhigend auf sie ein. Kurze Zeit später passierten wir das Limestor. Unser Freund Gaius hatte Wache und ließ uns ohne irgendwelche Fragen zu stellen einfach passieren. Armin stieg wieder auf und wir fuhren auf der römischen Straße nach Hause