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Leseprobe für das Buch König Enzio von Sardinien
Gespräche mit dem letzten Staufer jenseits von Zeit und Raum
von Peter Cornelius Mayer-Tasch:

Prolog – Warum dieses Buch?

Offen gesagt, ist dieses Buch in allererster Linie ein Versuch der Selbstbefreiung von einer fixen Idee. Jetzt, da ich mich anschicke, es niederzuschreiben, im Alter von achtzig Jahren nämlich, sind es ziemlich genau sechzig Jahre her, dass der Wunsch entstand, mich mit Enzios Schicksal zu befassen. Dieser Wunsch hat mich niemals verlassen. Er wurde lediglich durch die mir während meiner akademischen Laufbahn auferlegten Pflichten und die von mir freiwillig übernommenen Zusatzaufgaben überlagert, nicht aber aufgegeben. Auch ist es nicht so, dass ich nach der Devise handeln würde, dass ein rechter Mann einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen und ein Buch schreiben müsse, um sich als solcher zu bewähren. Ginge es danach, so hätte ich zweifellos längst ein Übersoll erfüllt. Außer drei Töchtern habe ich zwei Söhne gezeugt, die mir wiederum fünf Enkeltöchter und sechs Enkelsöhne geschenkt haben. Auch habe ich im Laufe meines Lebens weit mehr als hundert Bäume gepflanzt und pflanzen lassen. Die Zahl der von mir verfassten und herausgegebenen Bücher nähert sich der Zahl meiner Lebensjahre, wenn ich richtig gezählt habe. Sie stehen im Internet, in Nachschlagewerken, Bibliotheken, Buchhandlungen und privaten Bücherregalen. Noch nie aber habe ich ein Buch zu schreiben begonnen, ohne wirklich zu wissen, wohin mich die Niederschrift führen würde. Stets gab es eine – durch erkennbare Umstände, Problemlagen, Zielvorgaben, Sachverhaltserhebungen und sonstige Rahmenbedingungen – mehr oder minder klar umrissene Vorstellung vom voraussichtlichen Inhalt und Ergebnis eines begonnenen Buchprojektes. Hier aber werde ich wohl erst dann, wenn die letzte Zeile geschrieben und die Feder niedergelegt ist, wissen, warum mich das Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben, so lange begleiten konnte. Zumindest beginne ich die Niederschrift in dieser Hoffnung.
Als Rechts-, Politik- und Kulturwissenschaftler war es mir stets ein Bedürfnis, Probleme zu erforschen, darzustellen und möglichst auch einen (zumindest theoretischen) Beitrag zu ihrer Lösung zu erarbeiten – Probleme, die zwar vielleicht auch einen indirekten Bezug zu mir selbst haben mochten, jedenfalls aber von allgemeinem soziokulturellen oder soziopolitischen Interesse waren. Insofern war die Auseinandersetzung mit diesen Themen für jeden Leser nachvollziehbar. Im konkreten Falle aber verhält es sich ganz anders. Als Autor begebe ich mich auf eine Abenteuerreise, deren Verlauf und Ausgang offen ist. Zu einem kleinen Abenteuer könnte sie mithin auch für Diejenigen werden, die mich auf dieser Reise als Leser begleiten. Sich darauf geistig und seelisch einzulassen, könnte vielleicht für solche Leser von Interesse sein, die ebenfalls auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage sind, warum sie die eine oder andere Thematik ständig begleitet, ohne dass es einen leicht einsehbaren oder gar „zwingenden“ Grund hierfür gäbe. Dem Autor wird jedenfalls nichts anderes übrigbleiben, als sich behutsam an seine Schlüsselgestalt heranzutasten, sich die ersten Begegnungen mit ihr in Erinnerung zu rufen, aus der Entfernung von Jahrhunderten einen genaueren Blick auf ihren Schicksalsweg zu werfen und dann vielleicht sogar (soweit dies über Zeit und Raum hinweg möglich und aussichtsreich erscheint) das direkte Gespräch mit ihr zu suchen, wo die historischen Quellen schweigen. All dies in der Hoffnung, dann endlich besser zu verstehen, warum ihn sein Genius so nachdrücklich und nachhaltig auf diese Spur verwiesen hat.

Peter Cornelius Mayer-Tasch
München/Schondorf am Ammersee Herbst 2018

1. Erste Begegnung - oder: Im Stauferland
Mein Elternhaus stand (und steht noch immer, wenn auch inzwischen in anderen Händen) fast im Sichtkreis des Hohenstaufen, nach dem sich das schwäbische Adelsgeschlecht der Herren von Büren benannte, nachdem es seinen Wohnsitz vom heutigen Wäschenbeuren, einer reizvoll in die dem Albtrauf vorgelagerte Hügellandschaft zwischen (dem heutigen) Göppingen und (dem heutigen) Schwäbisch Gmünd, auf den stattlichen Bergkegel des „Hohenstaufen“ (in alten Quellen „stouf“) verlegt hatte, dessen weit ins Land hinaus weisende majestätische Anmutung sowohl offenkundige strategische als auch nicht minder offenkundige auratische Vorteile bot. Dass „der“ und „die“ Hohenstaufen im Umkreis ihrer schwäbischen Stammburg zu Namensgebern für die unterschiedlichsten Einrichtungen, Bauwerke und Unternehmungen wurden, ist kaum verwunderlich. Wenigstens ein Partikel jenes Glanzes, der das Geschlecht einst umgeben hatte, sollte auch auf die in ihrem einstigen räumlichen Umfeld Werkenden und Wirkenden fallen. Und so konnte es denn auch nicht ausbleiben, dass der Autor seine Gymnasialzeit in dem – seinem Wohnort nächstgelegenen – Göppinger „Hohenstaufen-Gymnasium“ absolvierte. Das heutige Dorf Hohenstaufen, das den Bergkegel im Halbkreis umfängt, gehört zum Landkreis Göppingen. Die Kreisstadt fühlt sich nicht zuletzt deshalb berufen, den Hohenstaufen und die Geschichte des nach ihm benannten Geschlechtes im Erinnerungsschild zu führen, obwohl sie – im Gegensatz zu dem nahen, im besonderen Maße traditions- und kulturbewussten Schwäbisch-Gmünd – keine Staufergründung ist. Die Burg Hohenstaufen selbst, deren Spätform ein Fresko in der gotischen Göppinger Oberhofenkirche aus dem 15. Jahrhundert zeigt, wurde im Bauernkrieg von 1525 niedergebrannt und nicht wiederaufgebaut. Umso lebendiger ist aber die Erinnerung an die von den späteren Staufern geprägte Hoch-Zeit des Heiligen Römischen Reiches. Dass sie so recht dazu angetan war, die Vorstellungs- und Gemütskräfte eines ohnedies vielseitig interessierten, die umfangreiche historisch-politische Bibliothek seines Vaters intensiv nutzenden (und als Sportarten Säbelfechten und Reiten bevorzugenden) Knaben zu beflügeln, ist leicht nachzuvollziehen. Und dies umso mehr, als Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts der Rückblick auf die jüngere deutsche Geschichte auch dann wenig erhebend erscheinen musste, wenn man ausnahmsweise Grund hatte, auf das Verhalten der eigenen Familie stolz zu sein, wie dies beim Autor der Fall war und ist.

2. Das Zwiegespräch - Erster Tag –
Autor (A): Meine mentale Bitte um ein Gespräch war hoffentlich nicht allzu vermessen. Wenn ich den Kontakt zu meinen verstorbenen Eltern und Freunden suche, so tue ich dies ohne jegliche Scheu. Euch aber, der Ihr Jahrhunderte und Kulturwelten weit von mir entfernt (und mir dennoch so nah) zu sein scheint, nähere ich mich nun doch mit einigem Bangen. Ich weiß nicht einmal, wie ich Euch anreden soll, ohne Eure Würde zu verletzen. Mit „Majestät“ (immerhin wart Ihr ja ein König), mit „Hoheit“ oder mit „Exzellenz“? Die Titel, die Euch einst Euer Vater, der Kaiser, verliehen hat, gibt es ja allesamt nicht mehr.
König Enzio (E): Ich habe Dich längst erwartet und bin auch gerne zu einem Gespräch bereit. Und dies, obwohl ich nicht verhehlen kann, dass ich sehr erstaunt war, als mich Dein mental übermittelter Wunsch erreichte. Hier, wo ich jetzt lebe, interessiert man sich nicht für das Jenseits. Jeder hat mit sich selbst und seiner eigenen Weiterentwicklung genug zu tun. In Deinem Diesseits aber, das nun schon seit so langer Zeit zu meinem Jenseits geworden ist, interessieren sich wohl höchstens noch Historiker für mein früheres Schicksal. Und für Titel (auf die auch ich früher großen Wert gelegt habe) ist hier ohnedies kein Platz. Auf solche Sprachschnörkel kannst Du also getrost verzichten. Sie würden nur den Blick auf das verstellen, was Du zu erkunden suchst.
A: So stimmt es also, wenn der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem „Großen Welttheater“ schreibt: „Und wenn der große Vorhang fällt, sind Alle gleichgestellt“?
E: Ob das stimmt, weiß ich nicht so genau. Auch in dieser Welt gibt es Vieles, was mir verborgen bleibt, was mich dann aber wohl auch nichts angeht. Es kommt vielleicht darauf an, was Du unter „gleichgestellt“ verstehen willst. Selbst dann aber, wenn ich es genau wüsste, könnte ich es Dir nicht sagen. Im Hinblick auf Auskünfte über die Befindlichkeiten dieser Welt ist uns, die wir die Grenze zwischen den zwei Welten überschritten haben, der Mund versiegelt.
A: Ich werde diesen Hinweis selbstverständlich respektieren und mich in unserem Gespräch nur noch auf Vorgänge und Befindlichkeiten der Erfahrungs- und Bewusstseinsebene beziehen, die einst auch die Eure war.
E: Ja, so sollten wir es halten.
A: Nun müsste ich nur noch wissen, wie ich Euch anreden darf. Ich möchte nicht unhöflich sein.
E: Um höflich zu sein, brauchst Du mich nach all diesen Jahrhunderten Deiner Zeitrechnung nicht mehr höfisch zu adressieren. Lass uns miteinander reden, wie Du mit Dir vertrauten Zeitgenossen reden würdest. Und dies umso mehr, als Du mir ohnehin ein besonderes persönliches Interesse an meinem damaligen Schicksalsweg signalisiert hast.
A: Gut. Ich werde mir also erlauben, Euch Enzio zu nennen und in der heute unter Verwandten, Freunden und Jugendlichen üblichen Du-Form anzureden.
E. Ja, gerne. Die etwas altertümliche deutsch-italie-nische Kurzform meines Taufnamens „Heinrich“, den die Deutschen nicht selten zu dem mir wenig behagenden „Heinz“ verkürzen, klingt mir noch immer angenehm in den Ohren.
A: So empfinde auch ich es. Dein offizieller Taufname wurde wohl von Deinem Vater im Blick auf Kaiser Heinrich IV., den salischen Ahnherrn Deiner staufischen Sippe, gewählt? Auch dieser Name weckt ja angenehme Assoziationen – Heinrich: der „Waldreiche“.
E: Schön, dass Du mich daran erinnerst. Dort, wo ich meine erste Kindheit verbrachte, gab es endlose Wälder – Wälder und Wiesen. Alles war so grün und frisch, wie ich es später nur noch selten erlebte. Und auch in den Liedern, die mir meine Mutter Adelheid an den Abenden sang, und in den Geschichten, die sie mir erzählte, war viel vom Wald die Rede. Auch unsere kleine Burg war von Wäldern umgeben.
A: Leider habe ich weder in Deinen eigenen Aufzeichnungen noch in all den Dokumenten und Schriften, die über Dein Leben berichten, einen Hinweis darauf gefunden, wo genau Deine Wiege stand. Manche Historiker vermuten, dass Deine Mutter Adelheid aus der Familie der den Staufern seit langem verbundenen, späteren Herzöge von Urslingen stammte, deren Obhut Dein Vater als Kind für einige Zeit anvertraut war. Damals hatten sie das Herzogtum Spoleto inne und beherbergten ihn in Foligno.
E: Das Letztere weiß ich, das Erstere leider nicht. Aber Du hast wohl kaum das Gespräch mit mir gesucht, um Dinge zu erfahren, die nur noch Eure Historiker interessieren. Es wird Dir aber schwerfallen, mir zu glauben, wenn ich Dir sage, dass ich selbst nicht weiß, ob sie aus dieser Familie stammte. Am Hof meines Vaters wurde nie darüber gesprochen. Und wenn ich später selbst danach fragte, sagte man mir nur, dass ich aus dem Stammland der Staufer, dem Herzogtum Schwaben, komme, und dass meine Mutter adliger Abstammung sei, was ja auch in meiner Legitimationsurkunde festgehalten wurde. Vielleicht hat man mir auch irgendwann einen Namen genannt, den ich dann ob all dessen, was an Neuem auf mich einstürmte und was ich zu lernen hatte, wieder vergaß. Vielleicht war der schwäbische Besitz meiner Mutter auch nicht bedeutend genug, um ihn hervorzuheben. Im Übrigen – ich wiederhole es – war das Leben am Hof meines Vaters so reich, so bunt und so fordernd, dass alles andere daneben bis zur Unkenntlichkeit zusammenschrumpfte.
A: Du hast also keine weiteren Erinnerungen mehr an Deine Geburtsheimat?
E: Ich weiß nur, dass ich noch sehr klein war und noch keine Lehrer um mich waren, sondern außer meiner Mutter, meiner älteren Schwester Caterina und unserer Kinderfrau Clothilde nur noch eine Köchin, eine Magd und zwei alte Diener, als wir von etlichen Rittern auf einem von vier Pferden gezogenen Wagen zu meinem Vater gebracht wurden, dessen große Pfalz einige Wegstunden von der unseren entfernt lag.
A: Erinnerst Du Dich noch an deren Namen?
E: Oh ja. An den Namen der Pfalz meines Vaters, in der viele Ritter, Reisige, Schreiber, Köche, Knappen und Diener lebten, erinnere ich mich noch genau, da es eine der Lieblingsresidenzen meines Vaters war, von der auch später noch viel die Rede war. Sie hieß Hagenau. Dort bekamen wir, das heißt meine Mutter und ihr kleines Gefolge, im Kemenaten-Flügel der Burg schöne große Gemächer zugewiesen.
A: Dann bist du also dort aufgewachsen?