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Leseprobe für das Buch Mein Name ist Klara
Demenz Eine Betroffene und ihre Angehörige erzählen
von Marion Jettenberger:

Vorwort
Was bedeutet Demenz? Wie fühlt es sich an? Wie geht es den Betroffenen? Wie erleben Betroffene die Erkrankung vom ersten Symptom bis in die fortgeschrittene Demenz? Wie geht es den Angehörigen? Wie sterben Menschen mit Demenz? Wie kann man als Angehöriger auch diese letzte Phase begleiten?
Davon handelt dieses Buch, die Geschichte von Klara Kreuz. Es ist das Tagebuch einer betroffenen Lehrerin namens Klara, welches ihre Tochter Christa weiterführt. Betroffene und ihre nächsten Angehörigen wissen häufig am besten, was es bedeutet, an Demenz zu erkranken und mit der Erkrankung Schritt für Schritt zu verschwinden, und wie es ist, ein demenzerkranktes Familienmitglied bis zum Tode zu begleiten. Die Tochter schildert, wie sie die Krankheit der Mutter erlebt, auch rückwirkend, weil die Mutter die Erkrankung lange versteckt. Die Tochter berichtet von Höhen und Tiefen der Erkrankung, dem langsamen, leisen Verschwinden der eigenen Mutter.
Angehörige sind für mich häufig die wahren Experten in Sachen Demenz, denn während der Erkrankte mehr und mehr in seine Welt abgleitet, versuchen sich diese in der Parallelwelt zu kümmern, zu betreuen, alles zu organisieren. Wie Christa das gelungen ist, welche Bemühungen sie in Liebe zur Mutter auf sich nahm, auch davon erzählt die Tochter in diesem ihrem ganz persönlichen Erfahrungsbericht.
Ein ausführlicher Sachteil von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung der immer weiter fortschreitenden Erkrankung bis hin zur Sterbebegleitung schließt sich am Ende des Buches an. Endnoten markieren entsprechende Stellen.
Dies bietet LeserInnen parallel zur erzählten Geschichte erste sachliche Informationen, zum Beispiel Erklärungen zu bestimmten Symptomen, Verhaltensweisen, zum Verlauf der Erkrankung sowie zahlreiche Tipps und Hilfsangebote.

Hinweise:
Aus Gründen der Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen die männliche Form gewählt, es ist jedoch auch immer die weibliche Form mitgemeint.
„Mein Name ist Klara“ beruht auf einer wahren Begebenheit.
Die Namen der Personen und Orte sind jedoch frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit bestehenden Namen, Orten und Situationen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Lebensrückblick
Mein Name ist Klara, Klara Kreuz. Ich bin schon 74 Jahre alt. Ich war Lehrerin für Deutsch und Hauswirtschaft, bin inzwischen jedoch in Rente. Vor einem Jahr ist mein Mann Martin gestorben. Dabei war er doch auch erst 75 Jahre. Viel zu jung, um zu sterben. Das war sehr schlimm und traurig für mich, auch deswegen, weil er doch kaum was von seiner Rente gehabt hat. Bis 67 hat er gearbeitet, er war ein Handwerker, und zusätzlich ist er manchmal für einen Bekannten auch noch Fern gefahren. Er hat wirklich viel gearbeitet, um uns, seine Familie, nicht nur zu ernähren, sondern uns auch was bieten zu können. Ich vermisse ihn sehr. Es ist, als hätten sie mir einen Teil meines Körpers amputiert.[i] Unglaublich, das hätte ich mir als junge Frau damals nicht vorstellen können. Wir hatten eine gute Ehe, 55 Jahre waren wir verheiratet. Wer kann das heute noch von sich und seiner Ehe sagen? Heutzutage trennen und scheiden sich Paare viel schneller, wenn sie sich denn überhaupt noch trauen, eine Ehe zu schließen. Sich trauen, die Begrifflichkeit ist schon eine sehr schöne Sache, dann die Trauung, der kirchliche Segen, das Fest mit der Familie … Eine Verbindung auf immer einzugehen, bis dass der Tod einen scheidet, das bedeutete damals noch was. So war es bei Martin und mir, tja, mein Martin und ich, ach, wie ich ihn vermisse! Ich erinnere mich noch genau an die Hochzeit. Ja, und an seinen Antrag und wie er meinen Vater ganz altmodisch um meine Hand bat. Und dann kamen auch schon die Kinder. Wir haben zwei Kinder. Zwei Mädchen. Christa und Ruth. Bei meiner ersten Geburt, also bei Christa, musste ich noch lange im Krankenhaus bleiben, denn ich wäre fast verblutet. Das war wirklich eine schwere Geburt. Damals war es auch noch nicht üblich, dass der Mann dabei sein konnte. Da haben die Frauen es heute schon viel einfacher. Wenn ich da meine Töchter anschaue! Da gab es richtige Vorbereitungskurse, an denen der moderne Mann teilnehmen konnte, um seine Frau im Kreißsaal zu unterstützen. Ruth kam auf natürlichem Wege, die Geburt ging von alleine. Zwischen Christa und Ruth hätten wir eigentlich noch ein Kind bekommen, es wäre ein Junge geworden, doch ich habe ihn verloren. Im siebten Monat habe ich den kleinen Buben tot geboren. So hätte ich eigentlich drei Kinder, vor allem noch einen Buben. Das wäre, gerade für meinen Mann, denke ich, schön gewesen. Auch wenn man immer sagt „Hauptsache gesund“. Schön wäre es schon gewesen. Na ja, es hat nicht sollen sein. Schließlich kamen Schwiegersöhne ins Haus und da ließen die Enkel nicht lange auf sich warten. Inzwischen bin ich sechsfache Großmutter. Das muss man sich mal vorstellen, sechs Enkelkinder! Da können sie sich ausmalen, was an einem Geburtstag hier alles so los ist. Mit zwei eigenen Kindern, deren Männern und sechs Enkelkindern, Donnerwetter! Zwei unserer Enkel sind Buben. Andreas und Thomas. Auch wie mein Mann mit ihnen umgegangen ist, er hatte seine wahre Freude, mehr als mit den Mädchen. Da spätestens merkte ich, wie sehr er sich durchaus über einen Jungen gefreut hätte.

Rentner-Stress[ii]
Nun bin ich aber alleine. Mein Mann ist verstorben, meine Töchter gehen ihre eigenen Wege mit ihren Familien, doch langweilig ist mir trotzdem nicht. Ich bin eine aktive und vielseitig interessierte Frau, auch viel beschäftigt. Denn gerade nach dem Tod meines Mannes, um nicht in ein Loch zu fallen, habe ich begonnen, mich im Dorf zu engagieren. Montag Morgen engagiere ich mich beim Frühstück an der Grundschule, ein Projekt, um Schülern ein gesundes Frühstück näherzubringen. Dienstag Nachmittag treffe ich mich mit meinen Kegelfreundinnen, so bleiben wir auch körperlich fit. Mittwoch geh ich Karten spielen mit einer Runde netter Damen, den meisten sind auch schon die Männer verstorben. Donnerstag kommt immer meine Christa zu Mittag zu Besuch, wenn sie ihre Kinder in der Nähe abgeholt hat. Wir essen gemeinsam zu Mittag, bevor sie den Buben Thomas wieder zum Fußball, ebenfalls in der Nähe, bringt. Freitags geh ich ehrenamtlich zum Bingo ins nahegelegene Seniorenheim, spiele mit einer Gruppe Bingo und besuche noch zwei alleinstehende ältere Damen, die geistig nicht mehr so ganz fit sind und nur sehr wenig Besuch bekommen. Manchmal finde ich es wirklich erschreckend, wie verwirrt die beiden schon sind. Die eine erkennt mich nur ab und an, sagt dann manchmal: „Grüße Sie, Frau Doktor“, wenn ich zu Besuch komme. Ich spiel dann einfach mit, denn es bringt nichts dagegenzureden und zu erklären, dass ich keine Frau Doktor sei. Das hab ich bei meinen Besuchen schnell gelernt. Die andere Frau sitzt im Rollstuhl und brabbelt nur noch einzelne Silben vor sich hin. Auch sie nehme ich, wie sie ist, fahre sie in den Park mit dem Rollstuhl oder singe Kinderlieder mit ihr, denn die Texte kann sie alle noch erstaunlich gut und so singt sie laut mit. Samstags kommt Christa mit ihrem Mann und den Kindern vorbei. Da essen wir immer Weißwürste mit Brezen, herrlich! Damit halten wir eine Tradition aufrecht, wie ich es mit Martin auch immer machte. Samstag ist einfach Weißwursttag. Sonntags gehe ich zum Gottesdienst und dann kommt Ruth mit Familie zum Sonntagskaffee. Tja, langweilig wird es mir nie, ich habe eine volle kunterbunte Woche und immer zu tun.

Der Metzger ruft meine Tochter Christa an
Meine Tochter Christa kam unangemeldet zu mir, um etwas zu besprechen. Ich dachte mir schon, dass das eigenartig ist, freute mich aber und bereitete uns Tee zu. Sie begann herumzudrucksen, indem sie sagte, sie müsse mich jetzt unbedingt etwas fragen: „Mama, wie oft kaufst du beim Metzger ein?“ Ich wundere mich über so eine Frage und fragte zurück: „Wieso?“
„Na ja, also ehrlich gesagt, die Metzgerei Fischer hat mich angerufen und gesagt, du kommst oft mehrmals am Tag und kaufst Unmengen an Frischwurst, die du niemals alleine essen kannst.“
Ich wurde echt wütend, ungehalten und sprang vom Tisch auf: „Wie bitte? Die rufen dich an? So geht man wohl mit langjähriger Kundschaft um? Ich glaube, ich spinne! Die haben wohl noch nie was von Diskretion gehört!“ Ich sagte klipp und klar, sie solle sich um ihr eigenes Zeug kümmern und der Metzger auch und dann tranken wir den Tee noch gemeinsam aus und schwiegen uns dabei an.[iii]

Scham
Ich schäme mich immer mehr. Nichts bekomme ich mehr hin. Ich stehe vor der Kaffeemaschine und weiß nicht, wie ich Kaffee mache. Ich vergesse die einfachsten Dinge: ein Ei kochen, die Toilette spülen, den Fernseher ausschalten. Ich bin froh, dass mein Mann das nicht mehr miterleben muss. Es macht mir Angst, denn ich werde immer schusseliger. Ich erkenne mich bald selbst nicht mehr.[iv] Das ist so doch kein Leben mehr! Ich hatte so ein schönes aufgeräumtes Leben und nun versinkt alles im Chaos, ja sogar ich.

Nachbarin Frau Meier
Ständig mischt sich diese Nachbarin Frau Meier ein. Die war mir noch nie sympathisch, eine richtige Besserwisserin eben. Sie kam doch ernsthaft rüber, um mir erneut die Post zu bringen. Sie sagte, der Postbote gab sie ihr, weil ich meinen Briefkasten ewig nicht leerte. Was geht sie das denn an?[v] Unglaublich, in was sich manche Menschen alles einmischen müssen. Die soll mal lieber vor ihrer eigenen Haustür kehren. Wir haben uns auch nicht das Maul zerrissen, als ihr Mann, für alle im Dorf bekannt, eine viel jüngere Freundin hatte und ihr dann davonlief. Was mischen sich andere eigentlich immer in die Angelegenheiten von Fremden ein? Nachbarn? Metzger? Die sollen sich um ihren eigenen Mist kümmern und mich und meine Familie in Frieden lassen!

Medikamente
Vor wenigen Tagen hatte ich eine Art Schwächeanfall. Der Arzt, den meine Tochter dann gerufen hat, vermutete, ich hätte meine Blutdruckmedikamente nicht richtig eingenommen. Er stellte anhand meiner Medikamentendosette fest, dass die Tabletten falsch eingeordnet wurden.[vi] Das sei sehr gefährlich, tadelte er mich, denn dies könnte zu einem Schlaganfall führen. Meine Tochter versicherte ihm, sie würde die Medikamente ab sofort für mich einsortieren. Die beiden sprachen noch miteinander, so als ob ich gar nicht da wäre, einfach über meinen Kopf hinweg. Jetzt ist es soweit, jetzt reden die über mich anstatt mit mir. Na ja, ist mir auch alles egal. Mit diesen Medikamenten kenne ich mich schon lange nicht mehr aus. Jedes Mal erhalte ich in der Apotheke eine neue anders farbige Schachtel und dann weiß ich nicht mehr genau, welche für was und in welcher Dosierung einzunehmen ist, das ist aber auch verwirrend. Die Apothekerin erklärt mir jedes Mal, sie könne auch nichts dafür, das sei so, weil die Krankenkassen ständig mit anderen günstigeren Anbietern Verträge machen. Sie verstehe schon, dass das sehr verwirrend sei, es sei aber leider nicht zu ändern. Dann saß ich immer zuhause und konnte zusehen, wie ich die Medikamente richtig zuordne und die Dosette für jeden Tag stelle. Das kann Christa mir also gerne abnehmen, auch wenn ich mich dadurch ein wenig übergangen und bevormundet fühle, es nimmt mir eine große Last ab.

Entmündigung
Meine Töchter baten mich um ein Gespräch. Ich hatte schon fürchterliche Angst, was da wohl kommen möge. Zunächst sagte ich, ich habe keine Zeit, doch sie ließen nicht locker. Dann eröffneten sie mir, dass die Bank angerufen habe, weil sie den Eindruck haben, ich käme mit meinen Bankgeschäften nicht mehr klar. Ich traute wohl meinen Ohren nicht und wurde laut: „Wie bitte? Sowas habe ich großgezogen? Pfui, ihr solltet euch schämen!“[vii] Ich zog mich ins Bad zurück, machte mich bettfertig und ging schlafen, ohne ein Wort zu sagen. Ich war enttäuscht und verzweifelt zugleich. Selbstverständlich wusste ich, dass mit mir etwas nicht stimmte, aber müssen die deshalb so mit ihrer alten Mutter umgehen?[viii] Ach, wäre doch Martin noch hier, der wüsste einen Rat.[ix]

Ich bin doch kein kleines Kind!
Mir geht das alles noch sehr nach. Das Medikamente-Stellen, das habe ich gerne und dankbar abgegeben, doch mich nun so zu entmündigen und als Kleinkind zu behandeln, ist echt schrecklich.[x] Ist denen nicht klar, wie ich mich dabei fühle? Schließlich bin ich es, die sie geboren und aufgezogen hat, diese undankbaren Rotzlöffel, und nun sowas. Ich bin sehr enttäuscht und traurig. Mir laufen die Tränen herunter.[xi] Ich weiß gar nicht, ob ich wütend oder traurig bin, ich glaube, beides gleichzeitig. Die sind wohl hinter meinem Geld her. Dass mir sowas mal passieren muss! Genau wie man es immer in der Zeitung liest. So möchte doch kein Mensch mehr leben. So verkauft und verraten von den eigenen Kindern! Dann wäre es gleich besser, einen Schlussstrich zu ziehen.[xii]

Mutti ist doch altersbedingt nur ein wenig vergesslich
Meine Tochter Ruth lobte mich sogar dafür, dass ich mir selbst Merkstützen durch die Zettel im Haus machte. Das sei wohl die Lehrerin in mir, meinte sie, tat es jedoch als eine altersgemäß nachlassende Lern-, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung ab, das ginge ihr selbst auch schon so. Doch nach und nach wurden es immer mehr Zettel im ganzen Haus, ob am Herd „Herd aus?“ oder an der Tür „Mantel anziehen“ oder „Schlüssel mitnehmen!“ und so weiter. Doch bei manchen Merkzetteln kann ich kaum noch meine Schrift entziffern und sie erklären sich mir nicht mehr. So weiß ich gar nicht, was das alles bedeutet, was da draufsteht.[xiii] Na ja, die, die ich nicht verstehe, entferne ich demnächst einfach.

Irgendwer klaut
Ich hatte vor kurzem 1000 Mark[xiv] von der Bank geholt, denn es stehen einige Geburtstage an und ich habe auch einige Besorgungen zu machen. Die 1000 Mark in 50er-Scheinen sind weg. Ich rufe meine Töchter an. Dann wollen die mir auch noch weiß machen, dass es gar keine Mark mehr gäbe, sondern Euro! Die wollen mich wirklich noch verrückter machen, als ich eh schon bin. Ich lass keinen mehr von denen rein! Die brauchen gar nicht mehr zu kommen, mein Entschluss steht fest! Ich fühle mich so hintergangen. Und dann tun die alle noch so doof am Telefon, wenn ich anrufe und nachhake.[xv] Ich kann nun sehen, wo ich ohne mein Geld bleibe. Die werden sich umschauen! Ich, die ich immer so großzügige Geschenke habe und mir so viele Gedanken mache, allen gleichviel zukommen zu lassen. Dann gibt es eben nichts mehr zu den Geburtstagen und ich muss mir die Daten auch nicht mehr merken.

Nichts klappt mehr
Die einfachsten Dinge bekomme ich nicht mehr hin. Heute Morgen zum Beispiel konnte ich nicht mehr telefonieren, es gelang mir nicht, die Tasten mit den Nummern zu tippen. Das war doch sonst kein Problem. Auch Rätseln, was ich immer so gerne gemacht habe, klappt nicht mehr, weil mir die einfachsten Worte nicht mehr einfallen wollen ... Das kann doch nicht wahr sein, oder? Ich glaub langsam, ich werde verrückt.[xvi] Meinen Töchtern, wir verstehen uns eigentlich gut, wollte ich nichts sagen. Erstens haben sie mit ihren Kindern und Männern genug Arbeit und zweitens, ehrlich gesagt, schäme ich mich auch ganz schön dafür. Das ging so lange gut, bis ich vor kurzem meiner Tochter Christa nichts mehr vormachen konnte. Sie fragte: „Mama, was ist denn mit dir los?“ Ich hatte wohl wieder etwas mit den Medikamenten falsch gemacht. Bald werde ich wirklich wahnsinnig.[xvii]

Ich will nicht
Ich will nicht verrückt werden!
Ich will nicht alles vergessen!
Ich will nicht, dass ich meine Kinder nicht mehr erkenne!
Ich will nicht, dass ich meinen Namen nicht mehr weiß!
Ich will nicht wie ein Baby würdelos in die Hosen machen!
Ich will nicht gewaschen und gewickelt werden!
Ich will nicht von anderen gepflegt werden!
Ich will nicht gefüttert werden!
Ich will nicht von anderen abhängig sein!
Ich will keine Last für andere sein!
Das will ich einfach ALLES nicht!
Dann, dann will ich lieber sterben!!!
Die Angst, verrückt zu werden, irgendwann nicht mehr allein zurechtzukommen, beschleicht mich immer mehr, mit all ihren Folgen.[xviii] ANGST wird nach und nach zu meinem ständigen Schatten.

Diagnose Demenz
Meine Tochter schleppte mich zum Arzt, der mir dann gefühlt 1000 Fragen stellte. Das war mir vielleicht unangenehm, denn ich konnte die einfachsten Fragen einfach nicht beantworten[xix]. Das war wirklich beängstigend! Ich wusste auf nichts eine Antwort und schaute immer hilflos und beschämt zu meiner Tochter hinüber. Es sei wohl eine beginnende Demenz, sagte der Arzt schließlich. Demenz? Mir wurde schlecht und schwindelig und ich dachte: „Jetzt ende ich so wie die Damen, die ich im Seniorenheim besucht habe.“ Das, was ich nie wollte und wovor ich selbst so Angst hatte. Lieber Gott, warum tust du mir das an? Das halte ich nicht aus.[xx]

Fragen über Fragen schwirren mir durch den Kopf:
Wieder Zuhause angekommen, machte mir meine Tochter einen Tee. Meine Gedanken verselbstständigten sich. Fragen über Fragen. Was wird nun aus mir? Wie lange kann ich mein gewohntes Leben noch weiterführen? Werde ich irgendwann nicht mehr wissen, wer ich selbst bin? Wie ich heiße? Müssen mich meine Kinder dann pflegen? Will ich das überhaupt? Geben die mir dann Neuroleptika und Psychopharmaka?[xxi]
Meine liebe Christa blieb noch lange bei mir, wir redeten kaum miteinander, es war ruhig. Ich hatte einfach nur Angst. Angst, Stück für Stück verrückt zu werden. Erinnerungslücken, Aussetzer und Sprachlosigkeit sind an vielen Tagen ja schon mein treuer Begleiter geworden. Aber nach der Diagnose „Demenz“ weiß ich, dass es so weitergehen wird, so schlimm, dass ich irgendwann meine Kinder nicht mehr erkennen werde und irgendwann nicht einmal weiß, wer ich selbst bin.[xxii]

Warum ich?
Warum hat es mich nun erwischt? Mich, die ich mich ehrenamtlich für genau solche armen Seelen im Seniorenheim engagiert habe?[xxiii] Nun bin ich also selber dran. Und das macht mir Angst, unheimliche Angst. Ich habe Angst, wie andere Patienten wütend und aggressiv zu werden. Und ich kann nichts dagegen tun.
Demenz also. Dadurch weiß ich, dass ich bald nichts mehr weiß, dass ich krank bin. Manchmal weiß ich ja jetzt schon nichts mehr. Das sind Momente, in denen es mir nicht gut geht. Die Krankheit wird mich auslöschen, sie wird immer mehr mein ICH, MICH auslöschen, bis ich als eine leblose leere Hülle wie die vielen Senioren in den Tagesräumen der Altenheime sitzen oder liegen werde. Warum ich? Warum nur ich? Warum trifft mich diese schreckliche Krankheit Demenz? Das ist so grausam! Das ist wie sterben, sterben Stück für Stück, bis man sich, seinen Namen nicht mehr kennt. Fürchterlich. Warum tut Gott mir das nur an?

Bald werde ich nicht mehr ICH sein
Es ist mitten in der Nacht, ich liege hellwach in meinem Bett[xxiv] und denke an das Unwort Demenz mit all seinen Folgen.

Die Entscheidung zum Pflegeheim war absolut richtig
Kurz vor dem Mittagessen öffne ich Mutters Post und freue mich sehr, als ich die Kostenübernahme des Pflegeheimes darin fand. Ich informiere Ruth. Diese Information tut gut, gerade wo es gestern auf Grund unserer Ängste und Existenzsorgen drohte, zwischenmenschlich zu eskalieren. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für unsere damalige gemeinsame Entscheidung, Mutter in ein Pflegeheim zu geben. Das Pflegeheim bringt mehr Qualität für unsere andere gemeinsame Zeit[xxv], die uns dann bleibt, um mit Mutter Kaffee zu trinken, spazieren zu gehen, ihr mal die Hände zu massieren oder die Beine einzucremen. Und das Haus, welches wir für Mutter fanden, scheint auch genau richtig zu sein. Die Pflegekräfte kümmern sich rührend und haben auch für uns immer ein offenes Ohr. Ich bin dankbar und fühle mich entlastet.

Blättere wieder in Muttis Tagebuch
Während ich in dem Tagebuch lese, wird mir wieder das volle Ausmaß dieser grausamen Erkrankung deutlich, denn meine Mutter war sich wohl ganz bewusst, was mit ihr passiert.[xxvi] Das ist irgendwie wie langsames Sterben, Absterben, jeden Tag ein wenig mehr. Oder wie in einem Gefängnis im eigenen Körper gefangen, keiner versteht einen, man versteht selbst keinen. Diese Vorstellung ist einfach fürchterlich. Wie sich Mutter da gefühlt haben muss. Was mir heute mehr denn je bewusst ist, ist die Gefahr des Suizids, denn sie hat in ihren Tagebuch-Aufzeichnungen nicht nur einmal geschrieben, dass sie so nicht leben möchte und dies kein Leben für sie sei. Ach, hätten wir diese Sorge doch miteinander teilen können. Hätten wir doch nur darüber gesprochen.

Die Liebe meiner Eltern
Abends lese ich meinem Mann bei einem Glas Wein die Passage vor, wie Mutter um ihren Martin, unseren Papa, trauert. Ich bin sehr gerührt, wie sehr meine Eltern sich geliebt haben müssen. Eine Liebe, die Grenzen überwindet, über den Tod hinausgeht, bis in die Demenz hinein. Bis heute vermisst Mutti ihren Mann Martin, während sie uns zumindest zeitweise oder als ihre erwachsenen Kinder schon längst vergessen hat. Immer wieder ruft sie nach ihrem Martin, so berichten mir die Pflegekräfte in ihrem Wohnbereich. Manchmal erzählt sie, er komme gleich, um sie abholen, weil sie hier ja nur zu Besuch sei. Berührend sind auch die Zeilen hier im Tagebuch, in denen sie ihre Trauer verarbeitet, wie sie beschreibt, der Verlust fühle sich wie eine Amputation an. Natürlich spürte ich damals auch real ihre Trauer, doch das hier noch einmal so zu lesen, lässt es mir eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Mein Mann und ich lieben uns auch. Trotzdem werden diese Liebe und unsere Familie durch die aktuelle Belastung mit meiner Mutter auch auf eine harte Probe gestellt.[xxvii]

Mutter hat ein Baby
Heute saß Mutti im Tagesraum beim Essen und hielt eine Puppe im Arm. Die Betreuungskraft erzählte mir, diese habe sie aus dem Therapieraum mitgenommen. Unsere Mutter denke, es sei ihr eigenes Baby, es sei ein Junge und sie müsse es hüten und beschützen. Ob sie dabei an ihren damals verstorbenen Buben denkt? Ob sie sich daran jetzt erinnert?[xxviii] Sie füttert es, zieht es an und geht mit ihm im Wohnbereich spazieren. Eine Erinnerung, ein Thema, an welches sie sich anscheinend bis heute, obwohl sie ihren eigenen Namen nicht mehr kennt, erinnert. Die Betreuungskraft erklärt mir, dass das Herz, sprich die Emotionen nicht dement werden,[xxix] sondern bis zum Schluss erhalten bleiben, auch wenn Gedächtnis und Denkvermögen längst verloren gegangen sind.

Tochter sein
Als ich meine Mutti heute besuchte, hat sie Tränen in den Augen und fragt mich: Kennen wir uns?[xxx] Ich sage: „Ja, ich bin deine Tochter.“
„Das kann nicht sein, meine Tochter ist ganz klein.“ Dabei deutet sie mit ihren Händen die Größe eines Säuglings an. Nun habe ich auch Tränen in den Augen.
Als ich mich verabschiede, fragt mich Mutti: „Kommst du mal wieder?!“
„Selbstverständlich“, sage ich ihr und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. „Bald, ja?“, bittet sie. „Mit dir ist es immer so schön!“[xxxi]

Man verliert diesen Menschen jeden Tag ein bisschen mehr
Meine Mutter ist nicht mehr der Mensch, den ich mal gekannt habe. Sie kennt mich ja auch zeitweise nicht mehr. Es ist fast so, als verliert man diesen Menschen jeden Tag ein bisschen mehr, und man kann nichts dagegen tun. Ein unaufhaltbarer Prozess.[xxxii] Das ist vergleichbar mit dem Erwachsenwerden der eigenen Kinder. Man gebärt sie und muss sie Stück für Stück in die Welt entlassen und gehen lassen. Nun ist es anders herum. Ich muss meine eigene Mutter gehen lassen, erst in ihre Welt, bis wir sie irgendwann ganz loslassen müssen, weil sie sterben wird und drüben in einer anderen Welt im Himmel bei Papa weiterlebt.

Bei uns hat sich nahezu alles verändert
Meine Kraft schöpfe ich aus meiner Familie, trotzdem sich bei uns nahezu alles verändert hat. Ich veränderte mich durch die Pflege beziehungsweise die Organisation der Pflege meiner Mutter immer mehr. Meine Wahrnehmung hat sich verändert. Viele Dinge, die mich früher aufgeregt haben, mit denen gehe ich heute deutlich gelassener um.[xxxiii] Ich kann auch mal fünfe gerade sein lassen und bin nicht mehr so pingelig bei bestimmten Themen.

Skurrile Situationen zum Lachen
Es gab hin und wieder lustige Begebenheiten, die oft so skurril und dennoch zum Lachen waren.[xxxiv] Mit einem Lächeln schaue ich jetzt oft kurz zurück. Situativ waren diese Momente eigentlich gar nicht lustig, vor allem nicht für den, der in dem Moment davon betroffen war und es ausbaden „durfte“.
Die Bodylotion – Einmal hat meine Mutter eine ganze Tube Zahnpasta als Bodylotion benutzt. Das war verrückt, denn die Konsistenz ist nicht so schön cremig, um sich damit gut eincremen zu können. Ergebnis: Die Pflegekraft musste sie duschen, um die Zahnpasta wieder abzubekommen, wogegen sich Mutter anscheinend sehr wehrte und am Ende bekam sie auch noch etliche gerötete Stellen, weil die Zahnpasta selbstverständlich zu scharf für ihre dünne alte Haut war.
Kleiderwahl – Immer wieder kam es vor, dass Mutter sich unbedingt selbst ankleiden und keine Hilfe, weder von Pflege noch von uns, annehmen mochte. Dann kamen die schrägsten Kombinationen heraus, so wie sie früher nie herumgelaufen wäre; manchmal knöpfte sie die Kleidung falsch. Einerseits war das traurig, weil sie uns in den Niederschriften hier und in dem Brief an die Pfleger bat, auf ein gepflegtes Äußeres zu achten. Andererseits führt es zu Konflikten oder gar Eskalation, wenn man ihr helfen möchte, sie dies aber ablehnt. Da mach es richtig! Häufig akzeptierten wir ihren Wintermantel, selbst bei 30 Grad plus, nur damit es keinen Aufstand gab.
Tauziehen um Teddybär –