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Leseprobe für das Buch Seele um Seele
Ein Heimkrimi
von Susanne Becker, Franz-Bernd Becker:

Prolog

1965: Draußen wehte ein eisiger Wind ums Haus, ein Rauschen ging durch den Tannenwald wie eine finstere Macht, die sich langsam, aber unaufhaltsam auf Risty zubewegte. Das zehnjährige Mädchen lag still in ihrem Metallbett, und versuchte mit ihrem kleinen, dünnen Körper möglichst nicht die kalte Außenwand zu berühren. Die Decke mit einem verschlissenen Bezug, der selbst bei Tageslicht die verblassten Pastellfarben nicht erkennen ließ, spendete keine Wärme. Im Schlafsaal unterm Dach stand zwar ein kleiner Kohleofen, aber die Temperaturen waren noch nicht niedrig genug, als dass die Schwestern ihn einheizen mochten. Risty fragte sich, wie viel Grad Minus es sein müssten, damit das Ding jemals in Gang geworfen wurde. Sie stierte in die Dunkelheit, und wenn sie die Augen abrupt schloss, liefen weiße Wölkchen vorbei, die sie nicht wegkriegte, auch wenn sie noch so sehr blinzelte. Im Gegenteil: Sie fingen an zu tanzen und zu flackern und wurden immer schneller, zudem leuchteten sie in hellen Regenbogentönen. Sie machten ihr Angst, diese Gebilde hinter den Augenlidern, das Heulen der Nacht und die sonstige Stille im großen Gebäude. Wann mag der Tag anbrechen? Wie war es Phil ergangen? War es wieder passiert? Und wenn ja, was sollte sie dann machen? Quälende Fragen, die sie nicht schlafen ließen. Sie sehnte ein früheres Leben herbei. Hatte es das je gegeben? Genau sagen konnte sie es nicht, aber sie erinnerte sich noch an schöne, lustige und mollig warme Gefühle. Doch sie wollte lieber nicht zu oft daran denken. Es half ihr nicht, wie sie festgestellt hatte, es tat nur weh, in der Brust und im Bauch. Anfangs war es so schmerzhaft, dass sie weinen musste, jetzt war nur noch ein dicker Kloß da, der unangenehm im Hals feststeckte.
Risty bemerkte nicht, dass die Tür geöffnet wurde, und nackte, tappsende Füße bis an ihr Bett herangekommen waren. Erst als eine kalte Hand sie an der Schulter berührte, zuckte sie auf.
...

Marie ist wütend. Es ist zum Haareraufen. Diesmal hat Markus es mit seinem schroffen Verhalten deutlich zu weit getrieben. Als sie ihm gestern besorgt erzählte, wie es um ihre Mutter steht, da war sein trockener Kommentar: „Wenn ich mit dem Ekel zusammenleben müsste, bräuchte ich auch einen Psychiater.“ Immerhin handelt es sich hier um ihren Vater, der sicher seine Schwächen hat, aber doch bestimmt nicht für die schweren Depressionen ihrer Mutter verantwortlich ist. Markus will einfach nicht verstehen, dass das Vorhandensein dieser Erkrankung nichts mit einem äußeren Einfluss zu tun haben muss, sondern es sich oft um eine organische Gemütsstörung des Gehirns handelt, die man natürlich nicht willentlich bekämpfen kann. Es wäre also gleichgültig, ob ihr Vater mit seinen Mathe-Studentinnen in die Kiste steigt oder nicht, und es würde auch nicht zu ihrer Besserung beitragen, wenn sie ihn hochkant vor die Tür setzen würde. Marie seufzt schwer, während sie mit ihrem schnittigen VW-Artemis in die Autobahnzufahrt einbiegt. Sie brachte Martin und Leni noch ins Stift, nachdem sie sich frostig von ihrem Mann verabschiedet hatte, um für ein paar Tage bei ihrer Mutter in Düsseldorf zu bleiben. Sie hasst es, sich im Streit von ihm zu trennen, und weiß in ihrem tiefsten Inneren, worüber er eigentlich verstimmt ist. Ihr Vater ist ein Despot erster Güte. Für ihn war Marie schon als Kind eher als unabänderliches Anhängsel zu betrachten. Sie schaffte nur einen Realschulabschluss, und selbst den noch nicht einmal mit Bravour, ließ sich zur Hebamme und anschließend zur Krankenschwester ausbilden und geriet immer an die falschen Männer. „Marie, du kapierst es einfach nicht“, waren seine Worte, als sie ihren Eltern Markus vorstellte, in Markus‘ Beisein wohlgemerkt. Und mit der Zeit konnte ihr Vater seinen ersten Eindruck immer mehr untermauern: Ein Priester, der es nicht schafft sein Gelübde einzuhalten, der vorab ein BWL-Studium abbrach, dann als Volltheologe ein Altenheim leiten muss und den Job auch noch hinschmeißt, um dümmliche Jazzmusik zu unterrichten. Zudem will er nachts noch durch irgendwelche dubiosen Clubs tingeln, weil er sich tatsächlich einbildet, er könnte damit eine Familie ernähren. Markus hat das mit großer Gelassenheit ertragen, wenn aber jemand seine Frau oder Kinder angreift, kann er sehr ungemütlich werden. Lenis Großvater ist sich nämlich ziemlich sicher, dass sie unter einer autistischen Störung leidet, die unbedingt in einer eigens dafür eingerichteten Anstalt behandelt werden sollte. Und dass sein verpeilter Schwiegersohn die zweijährige Elternzeit in Anspruch nahm, konnte dem Kind einfach nicht gut tun, das hatte er von Anfang an prophezeit. Das schlägt natürlich dem Fass den Boden aus. Aber ist es denn so schwer, sich trotzdem vorzustellen, dass sie sich ihrer Mutter verbunden fühlt? Marie ist innerlich zerrissen. Sie hat das Gefühl, von ihr wird erwartet, sich für eine Seite zu entscheiden. Und das will sie nicht. So ein Blödsinn, wir sind doch erwachsene Menschen. Sie streicht eine Haarsträhne aus dem Gesicht zurück, fast hat sie sich über den plötzlich einfallenden Schatten vor ihren Augen erschrocken. Sie kommt leicht ins Schlingern, bringt den Wagen aber sofort wieder in die richtige Spur und wirft einen Blick in den Rückspiegel. Dass sie selbst lieber bei ihm und den Kindern sein möchte, scheint für Markus nicht im Bereich des Möglichen zu liegen. Was denkt er sich nur? Er weiß doch, dass es ihr keinen Spaß macht, sich die Spitzfindigkeiten und Besserwissereien ihres Vaters anzuhören. Meistens sucht der nach irgendwelchen geschliffenen Umschreibungen für die Unzulänglichkeit ihres Ehemanns. Was er damit bezwecken will, hat sie nie verstanden. Ihr Herz setzt für einen Moment aus, ihre Augen weiten sich: Da war doch was! Nochmals schaut sie in den Spiegel und sieht ein kleines Männchen auf der Rückbank stehen. Es hat einen großen, alten Kopf auf einem ansonsten schmächtigen Körper, winkt ihr zu und reißt den Mund zu einem hässlichen Lächeln auf, sodass spitze, kariöse Zähne aufblitzen. Marie krampft die Hände ums Lenkrad und dreht sich ruckartig um. Nichts. Da ist nichts. Das Gehirn hat ihr einen Streich gespielt. Schon wieder. Es ist wie eine Heimsuchung. Meist erscheint ihr aber Sebastians Antlitz, im Schlaf oder im Zustand des Wachens. Sie blickt wieder nach vorn und sieht, dass die Ladeklappe eines LKWs mit einer riesigen Werbefläche sich nur wenige Meter vor ihrem Wagen auftürmt. Sie rast direkt auf ein Stauende zu, das sie übersehen hat, und somit auf eine lebensgroßen Abbildung von Uli Hoeneß in einer Toga gekleidet, mit Römersandalen an den Füßen und einem Kranz Weißwürste ums Haupt drapiert. Aus Routine drückt sie in Sekundenschnelle beide Füße auf die Pedale und setzt somit ungewollt die Funktion des automatischen Notbremsassistenten außer Kraft. Das Letzte, was Marie wahrnimmt, sind die ausgebreiteten Arme von Uli Hoeneß und den Slogan: Ein Nimmersatt aus Bayern.

*

„Bürger. Christliches Stift Maria im Tannenwald“, meldet sich Bürger vorschriftsmäßig. „Was soll das, Bürger? Ich weiß, wer am Apparat ist, schließlich hat Frau Kaiser mich zu Ihnen durchstellt“, bellt Breitkreutz so laut in den Hörer, dass selbst der Mops aufhorcht. Das deutet schon mal auf eine unterirdische Laune hin. „Geh ich recht in der Annahme, dass Sie und Ihre verehrte Sekretärin nichts zu tun haben?“, fährt er fort. „Falsch, ich führe gerade ein wichtiges Kundengespräch und habe eigentlich gar keine Zeit“, sagt Bürger. Dabei lächelt er Krawack freundlich zu, der an seiner Kaffeetasse nippt, als würde er sich auf einem Damenkränzchen für Scheintote befinden. In einem Anflug von Großzügigkeit aktiviert Bürger dann auch noch die Lautsprechertaste. Jetzt erst recht. „Unsinn! Sie führen schon seit Jahren keine vernünftigen Kundengespräche, außer bei Ihren Geisteskranken aus dem zweiten Stock. Passen Sie auf, ich habe mir Folgendes überlegt: Der Ruf des Hauses ist dermaßen ramponiert, dass wir zu ganz neuen Mitteln greifen müssen. Wir werden beim Vatikan einen Antrag auf Beatifikation unserer lieben Schwester Susanne-Margarethe stellen. Seitdem Sie der Leiter des Stifts geworden sind, pflastern ja nur noch Leichen und Verbrechen der grausigsten Art den Weg unserer heiligen Stätte. Damit muss Schluss sein! Selbst zur Hochkonjunktur, nämlich in Zeiten einer vollkommenen Überalterung der Gesellschaft, laufen ausgerechnet wir Gefahr, dass man uns die Bude lahmlegt.“ Bürger ist erst mal geplättet. „Schwester Susanne-Margarethe? Ich meine, ist sie denn schon lange genug tot, damit so ein Seligsprechungsprozess eingeleitet werden kann?“ Vielmehr brennt ihm die Frage unter den Nägeln, welchen Märtyrertod die denn gestorben sein soll. Als er vor fast genau elf Jahren das Amt des Einrichtungsleiters von Susanne-Margarethe übernahm, wurde er gerade mal drei Tage von ihr eingearbeitet, bis sie sich dann endgültig ins Mutterhaus zurückzog. Lange konnte sie ihr Rentendasein nicht genießen, drei Jahre später starb sie an einem Krebsleiden. Auf ihn machte sie einen herrischen, verbitterten Eindruck, und seine größte Befürchtung ist, dass es ihm ähnlich ergehen könnte, sollte er allzu lange in diesem Büro hocken.