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Leseprobe für das Buch Septem Scalae
Roman
von Heiko Ullrich:

So stand Hartmann nun, ehe er sich der Sache recht versah und ohne einen Grund für den plötzlichen Wandel seines Geschicks nennen zu können, binnen eines Jahres erneut vor dem Tor, das ihn zwölf Monde zuvor von seinem Weg nach Norden abgebracht hatte. Da beschloss unser wiederum gewesener Schustergeselle denn auch nach kurzem Hadern mit dem Weltenlauf, den ihm der Herrgott wohl verzeihen musste, seine Schritte nun endgültig den holländischen Häfen zuzuwenden, um in einem anderen Weltteil sein Glück zu versuchen, schnitt sich einen tüchtigen Haselstecken und wanderte bald wieder munter vor sich hin pfeifend seiner Straße, zumal er in dem einen Jahr, da er nicht allein seinen Lohn zum allergrößten Teil hatte ersparen können, sondern darüber hinaus jeden Monat gewissenhaft der von seiner blauäugigen Hexe erhaltenen Geldbörse den einen Gulden entnommen hatte, ein beinahe wohlhabender Mann geworden war, der frei von Sorgen über Land ziehen und keineswegs alle Tage den Hals nach einer schlecht bezahlten Arbeit recken durfte.
Stattdessen machte er bald darauf im Wirtshaus von Kl…, einer aufstrebenden Kleinstadt auf halbem Wege nach Amsterdam, die Bekanntschaft eines pfiffigen Männchens, das soeben mit sich selbst die erste Zeitung von Kl… nebst einem Verlagshause und einer kleinen Buchhandlung begründet hatte und das den gutmütigen Hartmann bald überredete, sein überzähliges Geld in dieses Unternehmen zu stecken, das der Bildung, dem Fortschritt, der öffentlichen Meinung, dem Allgemeinwohl und einem guten Dutzend anderer in ähnlich modische Phrasen verpackter Umschreibungen des habgierigen Krämergeistes, von denen dem Schustergesellen bald der arg beschränkte Kopf schwirrte, in einem Maße dienlich sein werde, dass man es geradezu als Sünde wider den Unternehmergeist wie gegen die Menschlichkeit, welche beiden Begriffe im Übrigen geradezu dasselbe bedeuteten, betrachten müsse, sein Geld auf andere Weise als gerade auf diese oder bei einem anderen derartigen Institut als eben dem seinen anzulegen.
Tatsächlich florierte der Handel mit bedrucktem Papier anfänglich, denn die mit einem Male lesesüchtig gewordenen Kleinstädter rissen dem Männchen das bald nicht mehr monatlich, sondern zweimal in der Woche erscheinende Blatt förmlich aus den Händen und die Damen bestellten Lieferung auf Lieferung von rührseligen Romänchen, die der Tag und Nacht arbeitende Redakteur, Drucker, Kolportageagent, Journalist und Dichter in Personalunion im Schein einer rußenden Ölfunzel aus bekannten und weniger bekannten Vorlagen zusammenstoppelte. Daniel Hartmann, der lediglich als Teilhaber des immer weiter um sich greifenden Unternehmens, nicht aber als Herausgeber oder Verleger der von seinem Kompagnon hervorgebrachten Schriften firmierte, blieb bei diesem geschäftigen Treiben, das sein in ferne Welten entrücktes und zum Kapital gewordenes Geld dem Vernehmen nach bereits auf wundersame Weise beinahe verzehnfacht hatte, so viel als nichts zu tun.
Des Morgens, wenn das rastlose Männchen für einige kurze Stunden in einen bleiernen Schlaf fiel, trug er den Abonnenten ihre Zeitung ins Haus oder öffnete den Buchladen und langweilte sich dort bis zur Mittagszeit, indem er den meist älteren oder noch ganz jungen Damen ihre vorbestellten Romane in braunes Papier einschlug, neue Bestellungen gleichgültig aufnahm oder alte ebenso gleichgültig stornierte, wenn die Freundin den voreilig georderten Roman in der Zwischenzeit doch noch ausgelesen hatte. Danach schlenderte er bis zum Abend über die Straßen und Plätze der Stadt, sprach mit dem Pfarrer über die Kartoffelernte und mit dem Lehrer über Politik, trank dann im Wirtshaus einen oder zwei Schoppen und ging meist zeitig schlafen.
Nachdem er die Literaturzeitung seines Freundes ein einziges Mal in die Hand genommen und darin eine obszöne Parodie auf das bekannte Gedicht des Catull gelesen hatte, in dem der ebenso scharfzüngige wie bösartige Dichter den stinkenden Ziegenbock unter den Achselhöhlen des armen Rufus besingt und das der moderne Parodist durch die Kombination mit einigen weiteren Gedichten des Veronesers zu einem liederlichen Loblied auf olfaktorisch noch weit einschlägige Körperöffnungen umgemünzt hatte, beschloss er, angenehmere Zerstreuungen zu suchen, und hielt sich von nun an gänzlich von den schmutzigen Geschäften seines umtriebigen Partners fern.
Eines schönen Sonntages im Mai trat Hartmann zum morgendlichen Kirchgang aus der Tür, als eben an derselben gemächlich eine Kutsche vorbeirollte, aus der ihn ein so roter Mund unter so blauen Augen und so blonden Locken anlachte, dass er wie verzaubert stehenblieb und der Erscheinung mit dem Ausdruck tiefster Verzückung nachblickte. Es handelte sich, wie er bald erfuhr, als er wie im Traume durch belebte Gassen der Kirche zu wandelte, um die Nichte des hiesigen Postmeisters Cappellarius, mit dem Hartmanns umtriebiger Geschäftspartner von Berufs wegen in häufigem und engem Verkehr stand. Die junge Dame statte dem älteren Bruder ihres Vaters derzeit einen längeren Besuch ab, ja dieser habe zusammen mit seiner Frau Gemahlin das gemeinsame Patenkind bei sich aufgenommen, bis die Eltern desselben von einer längeren Reise in geschäftlichen Angelegenheiten nach St. Petersburg zurückgekehrt seien. Kein Auge konnte Hartmann in der Kirche von der zarten Gestalt, dem rauschenden Sommerkleid, der von einer fliederfarbenen Schute bedeckten Lockenpracht, den schmalen Fingern und ihrem zerstreuten Blättern in dem kleinen schwarz eingebundenen Gesangbuche, der sich von den Anstrengungen der hellen und klaren Stimme hebenden und senkenden Brust wenden, während die Schöne den Blick züchtig zu Boden gesenkt hielt und nicht einmal während der langen und, wie es Hartmann schien, auch ungeheuer langweiligen Predigt die Blicke durch das Kirchenschiff schweifen ließ.
So kam es, dass er das Ende des Gottesdienstes und den Austritt der Gemeinde aus dem Hause des Herrn abwarten musste, bis er einen Blick seiner Dame erhaschen konnte, die ihn denn auch freundlich, aber so unverbindlich anlächelte, dass es Hartmann einen Stich ins Herz versetzte und er sich den restlichen Tag über einsam in den weiten Wäldern und Feldern außerhalb der Stadt herumtrieb, wo ihm zu seinem Erschrecken neben den romantischen Bildern seiner zur Madonna verklärten holdseligen Schönheit auch immer häufiger der lateinische Veroneser in den Sinn kam - und zwar in seiner modernisierten Fassung, gegen deren saft- und kraftstrotzende Bilder selbst die wiederholte Lektüre der plötzlich doch recht trocken und lebensfern erscheinenden Vermahnungen aus der emsigen Feder des biederen Johann Arndt schon bald nichts mehr auszurichten vermochte.
Unversehens aber war die launische Fortune unserem Helden bereits am Abend hold, als der Postmeister, ein gemütlicher, behäbiger, feister Hüne mit dichtem aschblondem Haar und rotem Gesicht, zur großen Tafel einlud und Hartmann in Anwesenheit aller städtischen Honoratioren, zu denen er sich trotz seiner Teilhabe am florierenden Handel des ersten und einzigen Verlagshauses am Platze doch nicht zählen durfte, neben der umschwärmten Dame zu sitzen kam, wo er die Gelegenheit, sich mit derselben durch eine harmonisch ineinanderfließende Abfolge von belanglosem Geplauder, bösartigem Klatsch, philosophischen Betrachtungen und lyrischen Höhenflügen auf einen vertrauteren Fuß zu setzen, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit mit beiden Händen ergriff. Das durchaus nicht anspruchslose Kind, dessen Eltern in der Residenz wohnten und ihr Kleinod in den Tiefen der westfälischen Provinz vor den Nachstellungen allzu galanter Kavaliere sicher glaubten, lachte ausgelassen, ergriff zum wiederholten Male Hartmanns Hand, schmiegte sich im Scherz an die Schulter des ehemaligen Schustergesellen und küsste ihn schließlich sogar auf die Nasenspitze, um sich für ein besonders gelungenes Bonmot zu bedanken, das er soeben aus dem Stegreif auf ihre blauen Augen gemacht hatte.