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Leseprobe für das Buch Was ist dir widerfahren, Isaak?
Eine Spurensuche
von Sybille Eberhardt:

Vorwort

Der auf der Titelseite abgebildete Grabstein auf der Göppinger israelitischen Friedhofsabteilung war die Motivation für und der Ausgangspunkt einer schwierigen Recherche, die das Schicksal eines Jugendlichen erhellen sollte, der, belastet mit traumatischen Erfahrungen von Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung, fern der Heimat starb.
Schwierig gestaltete sich die Recherche insofern, als der junge Mann keine Selbstzeugnisse, etwa ein Tagebuch, Briefe o. ä., ja nicht einmal eine Unterschrift hinterlassen hat; niemand, weder Freunde noch Verwandte, schriftlich oder mündlich überlieferte Äußerungen über ihn machte und die aufgefundenen bürokratischen Spuren außerordentlich dürftig sind.
Wir wissen also nicht, was die Hauptfigur, der junge Isaak Komras, dachte, welche Vorbilder er hatte, welche Wünsche für seine Zukunft, welche Fähigkeiten, welche Empfindungen und wie er seine Zeitgenossen sah. Sein unmittelbarer familiärer Hintergrund und die gesellschaftliche Stellung der Familie in Wilna sind unbekannt. Etwas mehr Informationen sind über Isaaks mutmaßlichen Cousin erhalten, der durch sein Universitätsstudium und die Einheirat in eine Rechtsanwaltsfamilie viele Bekannte aus dem Kreis der Intellektuellen hatte, wie sich in der Vielzahl namentlich von ihm benannten Opfer der Ärzteschaft und der Rechtsanwälte ablesen lässt. Trotz der dünnen Aktenlage habe ich mich entschieden, keinen Roman zu schreiben. Erinnert werden sollte nicht an eine Kunstfigur, sondern an einen realen Menschen und die vielen Ausgelöschten. Der Schmerz über die unwiederbringlichen Verluste soll erhalten bleiben und nicht als fiktiv abgemildert werden können. Da ich nicht näher zu Isaaks Persönlichkeit, die zudem kaum Zeit hatte sich zu entwickeln, vordringen konnte, blieb nur der Umweg über Seiteneinstiege, die seine Umwelt, Zeitzeugen, Mithäftlinge, Historiker, ermöglichten. Auch bei diesem Ansatz können wir nur einen bescheidenen Ausschnitt dessen, was er gesehen und erlebt hat, erahnen. Aber sollten wir nicht wenigstens versuchen, seinen Schatten vor dem Hintergrund der Ereignisgeschichte zu sehen? Ich möchte es versuchen.
Der historische Hintergrund der meisten Stationen, die der stumme Zeuge Isaak in seinem kurzen Leben durchlief, sind von der historischen Forschung gut erschlossen. Die heutige Hauptstadt Litauens, Vilnius, hatte in ihrer über 1000jährigen Geschichte verschiedene Namen, die in ihrer sprachlichen Färbung nicht nur zeigten, wer in der Stadt gelebt, sie geprägt, sondern auch wer sich ihrer bemächtigt und sie beherrscht hat: Die Polen nannten sie Wilno, die Juden Vilne, die Russen Vilnjus, die Weißrussen Vilnja, die Deutschen Wilna. Auf Isaaks Grabstein steht Wilna. Daher übernehme ich diese Bezeichnung für seine Heimat. Die Darstellung der Geschichte Wilnas, durch die Isaak wie ein scheuer Schatten huschte und die sich für ihn überwiegend im Ghetto abspielte, folgt im Wesentlichen der Darstellung von Arads „Ghetto in Flames“. Einbezogen werden zusätzliche Zeitzeugen verschiedener Altersgruppen und seiner ethnischen bzw. religiösen Zugehörigkeit. Mangels Kenntnissen der familiären Präferenzen des Komras-Clans musste die Ghettogeschichte ziemlich umfangreich dargestellt werden und war eine Beschränkung auf familienrelevante Schwerpunkte nicht möglich. Der zweite Teil meiner Arbeit, der sich auf die Ausbeutung in estnischen Lagern bezieht, wertet insbesondere Zeitzeugenberichte aus. Die damals im Deutschen Reich gelegenen Lager Stutthof sowie die Wüste-Lager im Südwesten, die den dritten Teil bestimmen, sind wiederum durch die Arbeiten der dortigen Gedenkstätten und Archivare gut erforscht und stellten mir ihr Material zur Verfügung. Dasselbe gilt für Isaaks letzte Station, das DP-Lager Heidenheim, das Alfred Hoffmann dokumentierte.

Mein Dank gilt allen, die mich bei dieser Arbeit durch Ratschläge, Informationen, Quellenmaterial, Grafiken, Bilder u.a. unterstützt haben. Dies sind Dr. Drywa vom Archiv Stutthof, Dr. Zekorn vom Archiv des Zollernalbkreises sowie Dr. Weber, Brigitta Marquart-Schad von der Gedenkstätte Eckerwald, Volker Mall von der Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen, der Heidenheimer Historiker Alfred Hoffmann, Marjolaine de La Chapelle, Gertrud Graf und Eugen Michelberger, Heinz Fieß, Volker Hirschfeld und Irmgard Neugart sowie die Mitarbeiter weiterer in- und ausländischen Archive.
Ein besonderer Dank gebührt der Stadt Göppingen, insbesondere Herrn OB Till und Herrn Kulturamtsleiter Hosch, für die freundliche und großzügige Unterstützung meiner Arbeit.
Meiner Verlegerin Manuela Kinzel danke ich, dass sie das Erscheinen des Buches zum 75. Todestag Isaaks durch ihren Einsatz ermöglichte.
Schließlich danke ich von Herzen meinem Mann OTTO EBERHARDT, ohne dessen Hilfe diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre. Ich danke ihm für seine wertvollen Kommentare zu meinen Entwürfen, für die Unterstützung bei der Internet-Recherche und bei der Übersetzung englischer Quellen sowie für die Übernahme der Korrespondenz und der übrigen Schreibarbeiten.
Hinweisen möchte ich noch darauf, dass die Schreibweise der Originale im Wesentlichen beibehalten wurde. Eckige Klammern enthalten Ergänzungen der Autorin.

Im Oktober 2020
Sybille Eberhardt


In welcher Gruppe können wir nun Isaak Komras ausmachen? War sein Vater noch am Leben, was wir nicht wissen, und hatte einen Schein, dann wäre der 13-jährige damit gerettet gewesen. Unsere damals 17-jährige Zeitzeugin Sima hätte sich vielleicht jünger machen und die Hürde der Altersgrenze nehmen können, hat aber ihren Vater schon bei den ersten Razzien Anfang Juli43 verloren und stand nun glücklicherweise als „Ehefrau“ auf dem gelben Schein ihres Freundes Lolka Kantorovitch, musste aber ihre Mutter zurücklassen, die in ihrem Versteck entdeckt wurde und umkam. Isaak könnte sich auch seinen Verwandten angeschlossen und deren Erfahrungen geteilt haben. Efim erklärt 1949: „Da weder ich noch meine Familienangehörigen einen Schein erhielten, versteckten wir uns auf einem Dachboden.“ Demgegenüber scheint sich die Familie des fast gleichaltrigen Y. Rudashevski zusammen mit anderen Ghettobewohnern ein massiveres Versteck vorbereitet zu haben, in dem nun, da deutsche und litauische Trupps den ganzen Tag das Ghetto nach Menschen ohne Schein absuchen, viele verängstigte Menschen zusammengepfercht ausharren. Yitchak beschreibt die Anspannung in der Maline: „Lärm ist zu hören ... Schüsse ... ich spüre, dass der Sturm näher kommt ... wir sind wie Tiere von Jägern umstellt ... Schlösser werden aufgebrochen, Türen krachen, Falltüren [geben nach] ... Plötzlich bricht ein Kind in Tränen aus ... ein verzweifelter Seufzer erhebt sich. Wir sind verloren. Dem Kind wird Zucker in den Mund gesteckt, aber es hilft nicht. Es wird mit Kissen zugedeckt! Die Mutter des Kindes weint. Leute rufen in wilder Angst: ‚Erstickt das Kind!‘ Das Jammern des Kindes wird stärker. Die Litauer schlagen härter an die Wände, aber allmählich verebbt jedes Geräusch und wir begreifen, dass sie weggegangen sind.“ Die auf dem Dachboden versteckten Komrasses und ihre Freunde haben weniger Glück. Efim fährt fort: „Wir wurden durch Litauer gefunden und schwer misshandelt. Auf der Straße waren wieder Litauer, die uns schlugen und meinen Freund erschossen. Während der größte Teil der Ghettoinsassen, die keine gelben Scheine hatten, nach Ponary kamen, brachte man uns mit etwa 200 anderen in das aufgelöste Kleine Ghetto.“


Kruk schreibt, dass um Neujahr in Narwa wegen der Typhusepidemie eine Quarantäne für sechs Wochen und noch einmal für sechs Tage verhängt wurde. Insgesamt habe es 400 Todesopfer gegeben. Ob Bekannte oder Freunde der Komrasses darunter waren, wissen wir nicht. Doch berichtet Efim von seinen eigenen Erfahrungen während der Quarantänezeit, als er mit ein paar Kameraden in der Nähe des Lagers Kohlen holen musste: „In dem Kohlenhaufen fanden wir oft Lebensmittel, die die estnische Bevölkerung dort für uns versteckte. Auch ich fand an diesem Tag in den Kohlen ein in Zeitungspapier eingewickeltes Brot, das ich schnell in meinem Kohleneimer versteckte. Ich ahnte nicht, dass [Lagerführer] Schnabel mich vom Lager aus beobachtet hatte. Als ich in das Lager zurückkam, empfing mich Schnabel und befahl mir, mit dem Kohleneimer in die Badestube zu gehen. Zwei weitere SS-Leute kamen dazu. Ich musste die Kohlen ausschütten und dabei sahen alle das in Zeitung gewickelte Brot. Unglücklicherweise war das Brot in eine deutsche Soldatenzeitung gewickelt. Schnabel schrie mich an, ich hätte Verbindung mit den Esten, um Nachrichten von der Front zu erfahren und schlug mich mit seiner Peitsche. Dann musste ich mich ausziehen, die zwei SS-Leute hielten mich fest und Schnabel versetzte mir 25 Peitschenhiebe, die ich mitzählen musste. Ich bin dann ohnmächtig geworden und zwei Häftlinge haben mich in die Baracke gebracht. Ich konnte tagelang weder sitzen noch liegen. Mein Glück war, dass wir in dieser Zeit nicht zur Arbeit geschickt wurden, denn ich hätte unter diesen Umständen nicht arbeiten können und wäre sicherlich erschossen worden.“ Welche Angst mag sich Isaaks bemächtigt haben, als Efim ohnmächtig wurde und er fürchten musste, dass er den einzigen Menschen seiner Familie, der ihn hier zu beschützen suchte, verlieren könnte?


Nach Efims Einschätzung wurden die Häftlinge in diesem Lager „einigermaßen gut behandelt“, was seiner Meinung nach auf das in der Nähe liegende deutsche Militär zurückzuführen war, „das mit der SS auf gespanntem Fuß stand und Übergriffe im Lager nicht geduldet hätte.“ Er berichtet von einer absolut ungewöhnlichen Erfahrung mit einem Oberst der deutschen Wehrmacht, der offenbar im Rahmen seiner Möglichkeiten der Unterversorgung der Häftlinge entgegenwirken wollte: Er forderte täglich eine Arbeitskolonne von 20 Häftlingen an zu dem einzigen Zweck, ihnen Lebensmittel zukommen zu lassen. Hören wir Efim: „Ich war auch einmal bei einer dieser Gruppen und zu meiner größten Überraschung wurden wir von dem Oberst an einen Tisch mit Lebensmitteln aller Art geführt. „So meine Kinder“, sagte er, „esst nur ordentlich, ich glaube, ihr habt es nötig.“ Darin bestand unsere ganze „Arbeit“ bei dem Oberst.“190 Falls Isaak keine Gelegenheit hatte, einer solchen „Arbeitsgruppe“ zugeteilt zu werden, wird Efim ihm sicher etwas mitgebracht haben, half ihnen doch jede zusätzliche Nahrungsergänzung zum Überleben. Ein weiterer Besuch des Lagerarztes Dr. v. Bodmann in Aseri stellte durch eine Selektion die Frage des Überlebens ganz konkret. Efim erinnert sich sehr genau daran: „Nach dem 20. Juli 1944, es war Ende Juli oder Anfang August 1944, kam Dr. v. Bodmann in das Lager. Er hielt uns einen großen Vortrag über das misslungene Attentat auf Hitler, an dem natürlich die Juden schuld wären. Er hätte infolgedessen den Befehl, dafür zu sorgen, dass 10% aller Lagerinsassen in Estland umgebracht würden und zwar zuerst die älteren und kranken Leute. Dann fing er an, aus den etwa 60 bis 120 Häftlingen des Lagers 30 Opfer auszusuchen. Als erstes suchte er Dr. Rucznik [einen Wilnaer Augenspezialisten, der einem deutschen General erfolgreich einen Splitter aus dem Auge entfernen konnte] heraus und sagte: ‚Du bist ein guter Arzt, aber schon etwas zu alt.‘ Dann folgte Rechtsanwalt Srolowicz aus Wilna und dann kam mein Schwager, der Bruder meiner Frau, an die Reihe. Mein Schwager war damals erst 22 Jahre alt, aber er trug eine Brille. Dann holte Dr. v. Bodmann mich heraus, aber unser Lagerführer rief: ‚Den brauche ich, der ist Lokführer.‘ Darauf schrie Dr. v. Bodmann: ‚Weg, du Hund!‘ und versetzte mir einen Fußtritt.“
Isaak wird in diesen Augenblicken zitternd die Luft angehalten haben. Auch an ihm ging das Damoklesschwert vorbei.