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Leseprobe für das Buch "Hosenspannes und Marschmusik"
Meine und meines Heimatdorfes Geschichte von den zwanziger Jahren bis zum Ende der Hitlerzeit
von Hermann Hummel:

Die große Wirtschaftskrise Ich war nun zehn Jahre alt und hatte auch schon begriffen, oder begreifen müssen, dass das Leben aus Arbeit bestand. Aber so ganz allmählich tauchte in der Umgebung auch das Problem auf, Arbeit zu finden. Für diejenigen, die allein von der Landwirtschaft lebten, schon zu allen Zeiten davon gelebt hatten, war das Problem nicht so drückend, aber dazu gehörten verhältnismäßig wenige. Auf einen Zuverdienst waren die meisten Familien angewiesen. Vor totaler Armut blieben aber auch sie verschont, denn sie erwirtschafteten immerhin einen Großteil ihres Essens selbst auf ihren Gütlein. Im Dorf gab es auch Arbeitslose, die jeden Tag auf dem Rathaus ihren Stempel abholen mussten, darunter junge Leute, die ihre Lehre beendet hatten, und die der Meister mit dem besten Willen nicht mehr weiter beschäftigen konnte. Ein halbes Jahr bekamen sie Arbeitslosengeld, doch dann waren sie ausgesteuert. Einige von denen sollten auf einem etwa zehn Kilometer entfernten Gutshof Kartoffeln hacken, von Hand versteht sich, für fünfundzwanzig Pfennig am Tag und eine warme Suppe. Einige taten es, andere sagten, dass sie dann lieber gleich betteln gehen wollten und gingen auf die Walz. Bettler gab es jede Menge, jeden Tag, an der Haustüre, einer gab fast dem nächsten den Türgriff in die Hand. Viele Leute gaben nichts, konnten nichts geben, denn sie hatten selber nichts. Die Geschäftsleute beklagten sich, dass die Bettler und Hausierer die paar Pfennige, die in der Gemeinde noch vorhanden wären, auch noch zum Ort hinaustrügen. Darauf gab die Gemeinde Bettelgutscheine zu ein, zwei und fünf Pfennigen heraus, die auf dem Rathaus gekauft werden konnten. Sie galten als Zahlungsmittel im Dorf, und Alkohol durfte darauf nicht abgegeben werden. Die Gemeinde führte Notstandsarbeiten ein: Drainagen im nassen Gemeindeland. Hier konnten die arbeiten, die 'ausgesteuert' waren. Natürlich waren die Leute mit ihrem Schicksal nicht zufrieden, und schimpften auf alle, von denen sie glaubten, dass sie es besser hätten, als sie selber. Das galt natürlich besonders den Angestellten der Gemeinde, somit auch meinem Vater, dem Polizeidiener, dessen Stelle einigermaßen sicher schien. Bettler kamen von auswärts. Denen sah man an, dass sie sich schämten, betteln zu müssen. Manche brachten auch den Tag über nicht so viel zusammen, dass sie sich abends eine Herberge leisten konnten. Die baten dann abends auf dem Rathaus um ein Asyl für die Nacht, was ihnen in der Arrestzelle des Rathauses gewährt wurde. Sie befand sich hinter dem Wachlokal, dem Dienstraum meines Vaters. Am Morgen bekamen sie noch einen warmen Kaffee, und ein Stück Brot dazu, was meine Eltern stellen mussten. Natürlich keinen Bohnenkaffee, den hatten wir selber nicht, sondern 'Kathreiners Malzkaffee'. Als Bub musste ich hin und wieder dieses Frühstück bringen und durch die Öffnung in der Zellentür servieren. Bettelte nun einer und führte sich schlecht auf, das heißt er schimpfte, wenn er wenig oder nichts bekam, beschwerten sich die Bürger auf dem Rathaus, so musste Vater ausrücken und ihn festnehmen, um ihn auf dem Oberamt abzuliefern. Das bedeutete für Vater dann ein echtes Spießrutenlaufen, denn er musste ihn zu Fuß zur Bahnstation bringen, sechs Kilometer weg, denn die Gemeinde wollte die Fahrkosten so klein wie möglich halten. Dabei ging es vorbei an den Notstandsarbeitern, und die sympathisierten mit dem Bettler, ermunterten ihn abzuhauen, und gaben ihm sogar Deckung. Von da an musste auch der Feldschütz als Begleitung mitgehen bis zur Markungsgrenze. Es herrschte eine schlechte, kaum vorstellbar schlechte Zeit! Die Not schürte Neid und Zwietracht. Politik Auf solchem Feld fiel natürlich jede Parole, von wem sie auch kam, auf fruchtbaren Boden. Kein Wunder, dass es eine Menge von Parteien gab, die alle das Heil versprachen, und die im Dorf auch ihre Anhänger hatten. Dadurch wurden auch die Gegensätze und Feindschaften stärker. Vor den Roten warnten nicht nur die Konservativen, auch der Bauernverband und vor allen Dingen die kirchlich eingestellten Leute. Was in Russland und vor allem im Baltikum bei der Revolution mit den Kirchen und Besitzenden passiert war, das erzeugte Angst bei allen Frommen und denen, die etwas besaßen, und war es auch noch so wenig. Von Politik verstanden wir Kinder noch nichts, sie wurde auch von uns ferngehalten, besonders in der Schule. Kritisch denken lernen, das wurde absolut nicht gefördert, und später im Dritten Reich erst recht nicht. Gehorchen und tun, was einem gesagt oder befohlen wurde, war die Haupttugend, zu der die Jugend erzogen wurde. Es tauchten natürlich manche Parolen aus den Elternhäusern bei uns auf, und dass Hindenburg Reichspräsident war, das wussten wir. Eines Tages rannten um zwölf Uhr alle Kinder zum Kirchturm hinüber, wo eine Stunde lang die Glocken geläutet wurden, weil die Franzosen das Rheinland geräumt hatten. Wahlen gab es natürlich auch hin und wieder. Da entzifferten und lernten wir die Parolen der Wahlplakate, und eine ist mir heute noch geläufig. Sie hieß: 'Das Hakenkreuz, Hammer und Sichel, wählt nur der allerdümmste Michel!' Das Plakat hing gleich gegenüber dem Schulhaus. Aber ein paar Tage später riss es der Heiner weg. Sein Vater, ein alter Kämpfer der NSDAP, hatte gesagt, dass so etwas nicht in unser Dorf gehöre. Etwa 1932 fand eine Reichspräsidentenwahl statt. Da befand ich mich in einem Geschäftshaus, als gerade disputiert wurde. 'Lieber wähl’ ich den Thälmann (Führer der KPD), als dass ich den Hindenburg nochmal wählen würde, denn bei dem wird es immer liderlicher', sagte die Geschäftsfrau. Sie hat aber den Hitler gewählt, denn später triumphierte sie, als dieser immer mehr Stimmen bekam. Mein Vater hielt sich mit politischen Äußerungen sehr zurück. Das musste er auch als Polizeidiener, denn da hatte er es mit allen Leuten im Ort zu tun, ganz gleich, welche politische Einstellung sie auch hatten. Von meinem Großvater, dem Drexler her, war er schon aus Tradition zur SPD orientiert, gehörte doch Großvater als aktives Mitglied zum Arbeiterbildungsverein. Vaters politische Sympathie hatte der frühere Reichspräsident Ebert. Aber das Erbe, das die damalige SPD aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg übernommen hatte, wuchs ihr über den Kopf. So stand er der Machtübernahme der NSDAP nicht ohne Sympathie gegenüber, dazu beigetragen hat aber auch, dass er sich bei der Ausübung seines Dienstes von der Staatsgewalt her allein gelassen fühlte. Ein paar Mal kam es nämlich vor, dass ihn irgendwelche Rowdys in der Nacht überfielen, und einmal wollten sie ihn sogar in die Arrestzelle einsperren, wäre es ihm nicht gelungen, sich zu befreien, indem er noch sein Seitengewehr ziehen konnte, und einen der Kerle an der Backe verletzte.