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Leseprobe für das Buch Die Straße nach Kierling
Fast eine Chronik
von Johanna Sibera:

Der Kierlinger Wald und einige Museumsgeschichten
Robert Mohaupt

In diesem Wald mit dem tatsächlich überwältigenden Blick ins Kierlingtal hatte seit den 1950er Jahren Robert Mohaupt gelebt. Allgemein unter der Bezeichnung 'Urgermane' bekannt, baute er dort ein kleines Dorf auf, bestehend aus drei Hütten und einer Schmiede, wohl illegal, aber von der Gemeinde geduldet - wunderbare Holzbauten, mit urtümlichsten Mitteln errichtet, angeblich ohne einen einzigen Metallnagel. Sein Vorbild war Ostgotenkönig Hermanarich, der im Jahr 300 nach Christus gelebt hatte. Im Alter von achtzig Jahren war dieser erst König geworden und starb angeblich im 120. Lebensjahr. Sehr oft verkündete Rodebert, wie er sich nannte, dass er völlig überzeugt sei, auch dieses sagenhafte Alter zu erreichen.
Medieninteresse aus dem In- und Ausland war ihm und seiner nach germanischem Vorbild erbauten Welt sicher. Eine Hamburgerin, die durch Zeitungsberichte auf ihn aufmerksam geworden war, reiste an, um tatsächlich ihr Leben mit ihm zu teilen. Wir haben sie kennen gelernt, wir haben Mohaupt natürlich auch besucht.
Damals, Ende der Sechziger Jahre, war sein Germanendorf ein beliebtes Ausflugsziel an vielen Wochenenden, er verstand es, sehr interessant zu erzählen, für Kinder veranstaltete er richtige Lehrstunden im Wald, mit Übungen im Speerwurf und Bogenschießen. Von seiner Frau Erika waren wir, hundsjunge und vielleicht von einschlägigen Filmen etwas verbildete Menschen, ein bisschen enttäuscht; die hatten wir uns tatsächlich germanischer vorgestellt, so eine Art Walküre im Fellschurz und mit wallendem Schopf. Die wirklich nette, uns schon recht alt erscheinende Hamburgerin, in ihrem früheren Leben eine zahnärztliche Assistentin, war eine magere unscheinbare Frau in uns nicht besonders gepflegt erscheinender Aufmachung.
Das von oberflächlichen Betrachtern vielleicht als hochromantisch eingestufte Zusammenleben der Mohaupts hatte in Wahrheit starke Schattenseiten und war von steter Geldnot geprägt. Frau Erika musste als Bedienerin putzen gehen, um ein wenig zu verdienen, auch in der Gartenstadt war sie beschäftigt. Im Zuge dessen traf Robert Mohaupt eines Tages auf Marieluise, der er nach nur kurzer Überlegung ohne Umschweife erklärte, sie wäre eine wunderbare Mutter für den von ihm so heiß ersehnten Nachwuchs. Groß und blond sei sie, zudem sichtlich fruchtbar nach der Geburt von zwei Kindern. Ob sie vielleicht im Falle, dass es bei seiner Erika auf Dauer nicht klappen würde ...?
Marieluise war ziemlich sprachlos und warf den von sich gewaltig überzeugten Germanen sehr rasch hinaus. Mohaupts bekamen dann - nach angeblich vielen, auch medizinisch betreuten Versuchen - einen Sohn, den sie Ardarich nannten und der anscheinend recht problemlos mit ihnen im Wald aufwuchs - Erklärungsbedarf seinen Schulkollegen gegenüber wird er schon gehabt haben, denke ich, dieser hellblonde hübsche Kerl, der eine so andere Kindheit lebte wie seine Altersgenossen. Die Verbindung der Eltern hielt dann auch nicht ewig; Erika Mohaupt wurde krank und verließ schließlich für immer die germanische Siedlung.
Im Februar des Jahres 2005 war auch für den mittlerweile fünfundachtzigjährigen Kierlinger Germanen sein Traum zu Ende. Ein durch Funkenflug aus seinem Holzofen verursachter Brand zerstörte sämtliche Gebäude, denen man, bedingt durch bürokratische Fallstricke, niemals den wohl verdienten Namen 'Museum' verliehen hatte, sondern mit der schwammigen Titulierung 'Museumsprojekt', verbunden mit mangelnder Sorgfalt, ihren langsamen Verfall und schließlich die totale Zerstörung in Kauf genommen hatte.
An den herrlichen Kierlinger Wäldern kann man sich in Bild und Wort auf chirchlingen.at, der von Peter Havel ins Leben gerufenen Website, erfreuen; auch das im Jahr 1986 gegründete Kierlinger Museum dokumentiert die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Fritz und Christl Chlebecek sind die besten Museumsleiter, die man sich nur denken kann. Und einen ganz großen Erfolg stellt die Scherenschnitt-Sammlung der Kierlinger Bürgerin Josefine Allmayer dar. Die lockte im Jahr 2006 sogar den chinesischen Scherenschnittmeister Deng Jian Hui nach Kierling. Durch die Verbindung zu ihm konnte die bestehende Sammlung ergänzt werden, sodass das Kierlinger Museum nunmehr das größte Scherenschnittmuseum Österreichs ist.