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Leseprobe für das Buch Der sechste Finger von Dr. Erwin Isenberg:

'Ich entsinne mich noch ganz genau, wie meine schwindelerregende Forschungsreise von der Gegenwart in die Vergangenheit ihren Anfang nahm.'
'Rückwärts, zurück in die Vergangenheit, sagen Sie?'
'Warten Sie’s ab, eins nach dem anderen. Fangen wir von vorne an!'
'Von hinten hatten wir’s ja schon!'
'Ich weiß noch, damals hatte ich gerade im Archiv das Fenster neben meinem Schreibtisch geöffnet.'
'Zur allwöchentlichen Kurzlüftung, vermute ich.'
'Nicht nur! - Noch ein anderes Zeremoniell gehört zum Beginnen meiner Arbeit im Archiv am Mittwoch: die Entfernung der Wochenausbeute.'
Ich hatte schon fragend meine Augenbrauen angehoben.
'Die Entleerung der Mausefallen meine ich.'
'Tote Mäuse? Freilich, so kommt der Moder zum Mief!'
'Wissen Sie, ich benutze zur Entfernung des Kadavers eine alte verbogene Gabel, die in meiner Schreibtischschublade einen festen Platz hat. Dank ihrer gekrümmten Zinken kann ich den Spannbügel der Fallen zurückziehen, ohne meine Finger zu beschmutzen.'
'Was suchen beziehungsweise finden Mäuse eigentlich in einem Archiv? Feinkost ist das alte Papier sicher nicht.'
'Aber sie fressen reichlich davon. Das zeigen die Fraßspuren und ihr Kot. Ärgerliche Schäden hinterlassen die Nager, wenn sie in die Akten sich so weit hineinnagen, dass sie die Texte zu verschlingen beginnen.'
'Ich kenne das. Auch ich verschlinge mitunter spannenden Lesestoff.'
'Aber nein, nicht Lesestoff! - Zellstoff ist es, was Mäuse verschlingen, die Zellulose im Papier, polymere Glukose in ß-glykosidischer Bindung, die durch extraintestinale, mikrobielle Fermentierung zu verwertbarem Nährstoff abgebaut und durch Fraß der eigenen Kotpapillen ihrer Ernährung zur endgültigen Verwertung wieder zugeführt wird.'
Klugscheißer, dachte ich wieder mal im Stillen.
'Den Weg alles Verdaulichen dürften dann ebenso die schlafenden Worte gehen. Mit ihrer intestinalen Auflösung zur Kotpapille werden auch sie dann endgültig entschlafen sein. Das wäre der zweite Tod der Skriptoren, nach ihrem leiblichen.'
'Jetzt wollen Sie wieder Recht behalten, habe ich Recht?'
Den Eindruck von Rechthaberei wollte ich lieber nicht aufkommen lassen und strich ihm sogleich verbal versöhnlichen Honig ums Maul, indem ich ihm fast allen Ernstes versicherte: 'Ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse, in Sonderheit auf dem Gebiet der Mäusekunde, beeindrucken mich. Alle Achtung!'
Bevor sich der Allwissende zu sehr geschmeichelt fühlen konnte, musste ich ihm noch einige Widerworte geben: 'Könnte es sein, dass nicht fade Zellulosekost und der reichlich zur Wiederverwendung anfallende Eigenkot, sondern erst der Köder Ihrer Fallen die Mäuse ins Archiv hineinlockt?'
'Sie meinen die abgeschnittenen Teile der überhängenden Salamischeibe meines Pausenbrotes?'
'Mit Speck - wenn auch nur in klein gehackten Stückchen - fängt man Mäuse.'
'Zur lusterweckenden Duftentfaltung senge ich außerdem vorher die Wurstscheibe über einem brennenden Streichholz an!'
'Oh ja, das geht den Mäusen direkt ins kleine Großhirn.'
'Aber Sie haben Recht, die inszenierte Fleischeslust könnte die Nager erst anlocken. Darüber sollte ich einmal nachdenken.'
'Wie das? Sie sollten doch besser vordenken. - Zum anderen: wundert Sie nicht auch, dass trotz wöchentlicher Mäusetötung allwöchentlich immer wieder neue erscheinen und in Ihre Fallen gehen?'
'Mäuse haben eine rasche Generationenfolge und eine beachtliche Geburtenrate. Das ist der Ausgleich für ihre hohe Mortalität!'
'Sagt der Experte! - Was machen Sie mit den Leichen?'
'Natürlich gebe ich, und gab auch damals der Natur zurück, was ihr gehörte und sich nur törichterweise in mein Archiv verirrt hatte.'
'Sie fügen die Mäuse wieder in den Stoffkreislauf ein?'
'Indem ich sie aus dem Fenster in den Hof entlasse und hinzufüge: Memento mus, quia pulveris es et in pulveris reverteri!'
Schon übersetzte ich: 'Bedenke Maus, dass du aus Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst', und war bemüßigt, die Grabesworte mit Hinweis auf 'Genesis, Kapitel 3, Vers 19' bibelkundig zu zitieren.
Klugscheißer!, wird er denken, dachte ich mir.
Doch unbeeindruckt erzählte er weiter: 'So geschah es auch mit jener Maus, die ich gerade aus den Fesseln ihrer letzten todbringenden Begierde entließ. Während ich ihr nachschaute, wie sie nach unten in den Hof hinabfiel, sah ich eine dunkle Gestalt unten zur Tür hineingehen. Ich bekam also Besuch.'
'Ist das selten?'
'Äußerst! - Ein wenig peinlich war mir das schon, wenn ich bedachte, dass der Kadaver diesen Fremden beinahe getroffen hätte. Doch andererseits war ich auch sehr gespannt, wer da wohl in den nächsten Augenblicken zu mir in die Mansarde die Treppe heraufgestiegen käme.
Ich hörte bedächtige Schritte auf den knarrenden Stufen. Es waren - selbst ungezählt - mindestens so viele, dass es für die obere Etage, in der sich, wie Sie wissen, das Archiv befindet, reichen musste.
Ich schaute in spannungsvoller Erwartung zur Tür am anderen Ende des Zimmers hinüber. Die Tür hinter mir, vor die ich der Fensternähe wegen Stuhl und Schreibtisch gestellt hatte, sollte eigentlich verschlossen sein. Davon war ich fest überzeugt. Flurseitig ist dort eine Gästegarderobe angebracht, darunter ein Schild ‚Bitte nächste Tür benutzen!’'
'Das ist mir bekannt.'
'Doch ich hörte nun, wie es an dieser Tür hinter mir raschelte und rumpelte. Ich wollte wohl meinen, dass der Besucher irgendwas an den Haken hängte. Dann fielen anscheinend Dinge zu Boden, das eine dumpf, das andere scheppernd. Dann hörte man einen Stoß gegen das Türholz, gefolgt von einem unverständlichen Fluch.
Plötzlich ging mit einem heftigen Ruck eben diese vermeintlich verschlossene Tür hinter mir auf und ebenso unmittelbar hinter mir stand auch sogleich dieser Mensch, den ich am ganz anderen Ende des Zimmers erwartet hatte.
Ich sah ihn nicht. Wie denn auch, da er hinter mir stand. Ich spürte ihn, wie er in seiner ganzen Gestalt sich über mich zu beugen schien. Mir war so, wie es einer Maus gehen muss, die jeden Moment hinterrücks erfasst wird.'
'So eine Art Katerstimmung, nicht wahr?'
'Während ich darniedersaß auf meinem Schreibtischstuhl, stand der Unbekannte in ganzer Länge hinter mir. Sein sonorer Bariton, mit dem er mir den Gruß entbot, sprach für eine selbstbewusste Persönlichkeit und verstärkte mein Unterlegenheitsgefühl umso mehr. Ich war derart heftig zusammengezuckt, dass ich bei meinem Überraschungsgast Nachsicht erwarten musste.
Er ging gottlob ein paar Schritte zur Seite, so dass ich ihn ansehen konnte. Während es mir immer noch die Sprache verschlagen hatte, vergewisserte sich der große Fremde mit einer höflichen Nachfrage, ob ich denn der zuständige Archivar sei.
Wahrscheinlich, stammelte ich - immer noch zutiefst verschreckt und weiterhin mit der gekrümmten Gabel in der Hand - so hilflos herum, dass die Bejahung seiner Nachfrage wenig überzeugen konnte.
Er kam meiner Sprachhemmung entgegen und versuchte, eine harmlose Unterhaltung anzufangen: 'Sehen Sie mal, mir ist doch tatsächlich gerade eine Fledermaus vor die Füße gesegelt. Und als ich genauer hinschaute, sah ich zu meiner Verwunderung, dass sie überhaupt keine Flügel hatte. Kein Wunder auch, dass sie auf den Boden stürzte.'
Ich fragte mich, warum eine Maus ohne Flügel eine Fledermaus sein müsse. Zugegebenermaßen, sie fiel vom Himmel.
Ich war nicht ganz sicher, ob er mich auf den Arm nehmen wollte. Ich tat desgleichen, indem ich parierte: 'Gewiss hat sie sich elend zu Tode gestürzt. Genickbruch vermutlich.'
Dass dies bereits der Spannbügel meiner Falle besorgt hatte, unterschlug ich natürlich. Überhaupt wollte ich auf dieses peinliche Empfangserlebnis nicht weiter eingehen.'
'Wie ich Sie kenne, hatten Sie den Fremden schon hinreichend in Augenschein genommen und sich umgehend ein Bild von ihm gemacht.'
'Mein Bild? - Er war tatsächlich so groß, wie ich ihn hinterrücks, noch unbesehen verspürt hatte. Die üppig vorstehenden Haargewächse seiner Brauen warfen derart dunkle Schatten, dass ich die Augen, die ich gewöhnlich als erstes suche, nicht ergründen konnte. Nicht einmal über der Nasenwurzel - was ich merkwürdig fand - waren seine buschigen Brauenhaare unterbrochen. Entsprechend haarig sprießte es auch aus seinen Naslöchern und den Ohren. Ich möchte nicht wissen, welche anderen Körperritzen diesem Drahthaarmenschen außerdem noch zugewuchert waren.
Auffallend war auch seine Kleidung, die mir - ohne Kenner zu sein - außerordentlich altmodisch vorkam. Sein gestärkter Hemdkragen war hoch aufgeschlagen und fasste nahezu den ganzen Hals ein. Nur am markanten ‚Adamsapfel’, der wie ein Fahrstuhl bei jedem Schlucken auf- und abwärts zu fahren schien, stand er offen.
Seine Arme steckten nicht in Ärmeln, vielmehr bedeckte sie der Mantel in der Art einer Pelerine. Nur vorne, vor seiner Weste, umfasste eine Hand einen Stock mit silbernem Knauf. Das sah schon merkwürdig aus. Aber andererseits passte dieses Flanierstöckchen durchaus stilgerecht zu seiner sonstigen Aufmachung.
Der Mann kam mir vor, als sei er jedenfalls nicht von heute. Ich schätzte: 19. Jahrhundert.'
'Und was suchte der Anachronismus in Ihrem miefigen Archiv?'
'Er wusste offenbar genau, was er wollte. Er fragte, ob noch alte Belege über liquidierte Arzthonorare vorhanden seien. Selbstverständlich konnte ich ihm zahllose Hinterlassenschaften aus der Buchhalterei vieler Jahrhunderte anbieten. Als ich fragte, ob er den Zeitrahmen eingrenzen könne, bat er um Rechnungen - nun denken Sie bloß! - aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.'
'Nein, wie alles zusammenpasst!'