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Leseprobe für das Buch Die eingemauerte Nonne von Dr. Erwin Isenberg:

'Oh ja, großer Herr, ich sag’s ihm, ich kenn‘ mich aus', und hob dazu ihren Zeigefinger, mit dem sie schlängelnde Bewegungen andeutete. 'Es sieht ganz nach geschickten Frauenhänden aus.'
'Als doppelzüngige Natter denkst du natürlich nur wieder an Gift.'
'Nattern haben keine Giftzähne. Du verwechselst das mit Vipern. Nein, ich denke an Glas.'
'Wo denkst du hin?'
'Das hättest du mal sehen sollen, die Scherben hat unser glückloser Brautbewerber noch immer auf der Zunge, die übrigen Splitter schon tief im Schlund und in der Lunge.'
'Ja und? Wie sollte zerstoßenes Glas in eine kleine Kirsche gelangt sein?'
'Du fragst? – Schau dich nur um! Wenn du mich fragst, Sarasine, deine Frau, unsere wundersame Exotin, viel zu klug für dich, und auch deine eigenwillige Tochter, die beiden kämen mir sofort in den Sinn. Zudem, wen beträf‘ es auch sonst als gerade die beiden?'
Der Burgherr verstummte und griff sich ans Kinn, sonst wär‘ ihm vermutlich der Mund vor Staunen offengestanden.
Unterdessen umkreiste sie ihren nachdenklich gewordenen Stiefbruder und säuselte ihm von hinten ins Ohr: 'Die beiden sind geschickt, nicht wahr? Doch, doch, man kann’s nicht anders sagen. Ganz besonders beim Sticken.'
Zufällig in den Blick genommen, ergriff sie einen auf der Fensterbank abgelegten Stickrahmen. 'Ach ja, was stopfen sie mit der feinen Nadel nicht alles über Kreuz hinein, ich meine hier, in den gespannten Stramin?'
Sie hob die andere, noch freie Hand und wendete sie wie eine noch nicht zum Stillstand gelangte Waage hin und her. 'Allerdings, wie ich neulich hörte ...', sie legte eine Kunstpause ein, – 'können sich deine beiden Frauen auch manchmal recht ungeschickt anstellen, wie kürzlich mit den Salbgefäßen. Welch ein Malheur, als Sarasine dem verwöhnten Töchterlein duftendes Öl in den Badezuber gießen wollte, da seien die Fläschchen – au wei! – wie geschmiert zu Boden gegangen.'
Ihr Stiefbruder zuckte ahnungslos mit den Schultern.
'Du musst wissen, die waren aus hauchdünn geblasenem Glas.'
'Na und?'
'Beim Auffegen der Scherben aufs Kehrblech sollen die Finger der Maurin[1] – du weißt, unser dunkler Schatten in der Kemenate ...'
'Die Kammerfrau, Vorleserin, Schreiberin und – wie ich fürchte – heimliche Lehrerin meiner Frau und Tochter.'
'Ratgeber und geistige Giftmischerin, wenn du mich fragst. – Jedenfalls sollen ihre Finger geblutet haben.
Und im Übrigen', wobei sie ein gemeines Lächeln aufsetzte, 'was dich betrifft, bist du dir jederzeit sicher, ob mit deiner Frau gut Kirschenessen ist?'
Ihr Bruder stutzte.
'Also, wenn du mich fragst, ...'
'Nein und nochmals nein!'
'Jedenfalls würde ich aufpassen.'
Sie legte den Stickrahmen aus der Hand und wechselte wieder in eine andere Tonart.
'Bist du für sie nicht schon der dritte Ehemann?'
Sie schob mit Nachdruck ihren Daumen über die gegenüberstehenden Finger der Hand, so dass es letzthin schnipste. 'Und noch immer – ja doch, ich kann’s nicht anders sagen – ist die doppelte Witwe keineswegs am Ende ihrer Tage, will sagen, eine Matrone ist sie noch lange nicht. Ja, ja, neulich scharwenzelte ein spanisches Mannsbild um sie herum und brachte sie zum Erröten, was sag‘ ich, zum Glühen.'
'Nun hör‘ aber auf!', brüllte er wütend los und lief ziellos auf und ab. 'Missgunst! Weiberneid! Alles Unsinn!'
'Wenn es das wäre, würdest du nicht so schreien und derart gestochen umherlaufen.'
'Diesen Kastilianer, wenn du ihn meinen solltest, den hab‘ ich selbst eingestellt. Was der begabte Harnischmacher zum Glühen bringt ist allenfalls das Schmiedeeisen.'
'Dann woll’n wir hoffen, dass es deine Gattin kalt lässt.'

'Was deine Warnungen um mein Leben betrifft, wie du weißt, hab‘ auch ich einige einsame Jahre als Wittib verbracht. Aber meine erste Ehefrau, das steht nun mal fest, so fest wie ich auf meinen Füßen hier stehe, habe ich überlebt. Also, sieh nur, ich lebe noch.'
'Kein Thema, das seh‘ ich.'
'Sie hingegen, sie ist verstorben. Ja leider! Sie starb, du weißt, noch jung in ihrem ersten Wochenbett.'
'Ich weiß, ich weiß. Aber die beiden verflossenen Ehemänner deiner jetzigen Frau dürften wohl kaum im Wochenbett gestorben sein.'
Er fuchtelte hilflos mit seinen Armen um sich, zumal er keine Worte fand, ihren Gemeinheiten zu widersprechen. Überhaupt war er ihren boshaften Attacken schon seit Kindheitstagen nicht gewachsen.
'Ach ja, das mit deinem einzigen Sohn, dem kleinen Minnehold, natürlich, aus dem ja auch nichts werden konnte, als nach ihm die Nachgeburt ungeboren blieb und seine Mutter in wenigen Tagen vergiftet war, das tut mir herzlich leid.'
'Dass ausgerechnet dir etwas leid tut, täte mich wundern.'
Sie zuckte mit den Schultern. 'Mich jedenfalls wird es nicht wundern, dass der Name unserer Linie mit dir im Mannesstamm bald aussterben wird. Es müsste schon ein Wunder geschehen. Seit über einem Jahrzehnt – man denke bloß! – ist kein weit‘rer Spross hinzugekommen. Hier kann oder will wer nicht', und setzte noch als weiteren Nadelstich hinzu: 'Und jetzt, mein Ärmster, in deiner zweiten Ehe, bist du außerdem gestraft durch dein einzig Töchterlein, das nicht so will, wie du es willst.'
'Halt bloß an!'
Die gerade noch erhobene, ausgebreitete Hand zog er im nächsten Moment zu einer Faust zusammen, als wollte er trumpfend dreinschlagen. 'Doch denk‘ nur, alles war mit Pickering schon abgeredet, ja vertraglich unterzeichnet. Sein ganzes Vermögen bekommt die künft’ge Braut, – nach seinem Ableben eben. Die Verlobung, sie wär‘ an diesem Abend fast gelungen.'
'Ist sie aber nicht. Ach, sieh nur, nicht dein, sondern der Wille des Herrn geschehe, nicht nur im Himmel, sondern selbst hier auf Erden.'
'Lehr‘ gerade du mich noch das Vaterunser beten!'

Vor den Ohren des noch immer nicht Toten hielt sie dem Herrn des Hauses sein gemeines Ansinnen vor, das sie glaubte durchschaut zu haben.
'Das Töchterlein, daselbst erst 15 Jahre jung – man denke nur! – sollte nach deinem Willen einen fast viermal so alten Mann heiraten. Ich vermute, in der Hoffnung auch ihn bald los zu sein, um als junge Witwe noch einmal heiraten zu können. Fein ausgedacht!'
Der Burgherr zuckte erneut mit den Schultern. Diesmal nicht aus Ahnungslosigkeit, sondern um nicht bejahen zu müssen, dass sie mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch lag.
'Oh ja, so kann man sich ein Vermögen als Wittum[2] erheiraten, – wie weiland meine liebe Schwägerin, die nunmehr schon mit dir in dritter Ehe lebt. Ich rat‘ dir nur, pass auf dich auf!'
Er lief rot an und schrie, so laut wie hilflos, ihr entgegen: 'Teufel auch, elende Schlangenbrut, du falsches Natterngezücht!'
Sie grinste nur.
'Übrigens, wir beide sind aus demselben Gelege gekrochen, nämlich aus dem, das unsere gemeinsame Mutter einst ausgebrütet hat.'

Der Sterbende nebenan auf dem Lager sonderte unartikulierte Laute ab und spie noch einmal Blut.
Ohne Rücksicht auf den siechenden Mithörer – seines nahen Todes und ewigen Schweigens offenbar gewiss – trumpfte sie weiter auf: 'Und? Wie stehst du jetzt da, als Vater einer mordenden Tochter oder als Mann einer Frau, die Männerprobleme auf ihre Art zu lösen versteht?'
Die Gesichtsfarbe des Edelherrn wechselte zur Abwechselung auf blass.
'Ja, ich befürchte, deine Heirats- und Vermögenspläne sind gründlich durchkreuzt. Wenn du mich fragst ... – auch wenn du mich nicht fragst, ich denke, für immer. Wer will schon die Tochter aus einem Mörderhause ehelichen? So todsicher sicherlich keiner.'
Der Herr des Hauses, der sich wie durchgeprügelt mit beiden Händen über den Kopf griff, als müsse er sich in Schutz nehmen, wankte.
Und schließlich gab sie ihrem taumelnden Stiefbruder noch eins drüber, vielleicht auch den letzten Rest: 'Bei gewöhnlichen Leuten würde man üblicherweise schon den Galgen errichten. Freilich, in deinem Stand lässt man sich nicht hängen. Auf jeden Fall, tu was, bevor es andere tun! Es ist an dir, die Schande aus der Welt zu schaffen.'