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Leseprobe für das Buch Fidel Schnidel Lumpensack von Anne Gallinat:

3. Kapitel
Von einem Schiff im Lumpensack

Die Umzüge im 'Blauen Wunder' waren für Steve, Katharina und die anderen Kinder immer ein Abenteuer. Und es wurde oft umgezogen. Manche zogen ein. Viele zogen aus. Wer Arbeit bekam, blieb nicht im 'Blauen Wunder'. Es war eben ein Haus für arme Leute. Deshalb fuhren auch keine großen Möbelwagen mit buntschillernder Reklame in den Kasernenhof. Und einen Möbellift, mit dem man seine Möbel per Knopfdruck in die oberen Stockwerke befördern konnte, gab es schon gar nicht. Doch daran störte sich niemand. Nicht einmal die Königin. Die Kinder fanden den alten Kleintransporter, der verbeult war wie eine leere Blechdose, spannend wie eine Schatztruhe. Dass es sich bei den 'Schätzen' lediglich um greisenhaft knarrende Schränke, eingestaubte Sofas, wacklige Stühle und angerostete Töpfe handelte, machte die Sache nicht weniger aufregend. Aus den Schränken roch es geheimnisvoll nach altem Holz, Tinte, Rosenparfüm oder Zimtplätzchen. Die Sofas eigneten sich wundervoll als Sprungmatte. Von Staubwolken eingehüllt, trugen die Kinder Meisterschaften im Hochspringen aus. Die Töpfe verwandelten sich in Trommeln und die Deckel in klingende Becken. Im Triumphzug wurden sie, verbunden mit ohrenbetäubendem Getöse, von den Kindern ins Haus getragen.
Wem der verbeulte Transporter immer noch zu teuer war, der kam mit einem hundertjährigen Trabbi. Der selbstgebastelte Anhänger klapperte ohrenbetäubend über das Straßenpflaster, weil er keine Luftreifen hatte. Es war eins der Wunder vom 'Blauen Wunder', dass das klapperige Gefährt überhaupt fuhr. Manchmal musste Barbara Lehmann ein bisschen stöhnen und zaubern, ehe sich der Trabbi aufheulend von der Stelle bewegte. Wenn der Anhänger leer war, durften die Kinder ein paar Runden um den Kasernenhof fahren. Steve hatte festgestellt, dass man sich, wenn man Augen und Ohren fest verschloss, wie auf einem Schiff vorkam, das gegen ein orkangepeitschtes Meer ankämpft. Diese Behauptung hatte ihm zwar von Königin Katharina wieder einmal den Namen 'Spinner' eingehandelt. Aber auch ein Lachen mit glitzernden Perlen in den Augen.
Steves Stiefvater war mit dem Handwagen eingezogen. Obendrauf saß der Hund Wotan. Steve erinnerte sich deutlich, dass es höllisch stank, als der Wagen in den Hof einfuhr. Wotan hatte seinen Platz auf dem Möbelberg mit einem Hundeklo verwechselt.
Schon damals hatte Steve über den Stiefvater gedacht:
‚Wer so’n Stinker anschleppt, der kann selber nur `n Stinker sein.‘
Wie auch immer. Irgendein Gefährt wurde aufgetrieben. Irgendwas, was Räder hat. Der schwarze Mann kam zu Fuß. Kein Riese mit gewaltigen Klauen. Keine gruselige Teufelsfratze. Es war ein kleiner, dunkelhäutiger Mann, an dem alles rund war: der Bauch, das Gesicht. Sogar die abgetragene Baseballmütze. Vor allem aber seine schwarzen Kugelaugen. Über seiner Schulter hing ein alter, zerschlissener Seesack. Das war alles. Dabei blieb es auch. Steve machte sich zunächst über den armseligen Aufzug des schwarzen Mannes keine Gedanken. Der schwarze Mann war da. Er würde wieder mitspielen dürfen. Nur das war wichtig.
Deshalb sagte er noch einmal:
'Na endlich. Wir haben so auf dich gewartet.'
Die Kugelaugen des schwarzen Mannes wurden vor Staunen noch ein bisschen runder.
Steve erklärte:
'Die Zauberin hat’s uns verraten.'
Diese Erklärung schien den schwarzen Mann zu befriedigen.
'Na dann', sagte er, wobei er mit seiner dunklen, rundlichen Hand kräftig Steves Knabenhand drückte, 'ich bin der Fidel. Ich wohne jetzt bei euch.'
Steve aber nahm Fidel ohne weiteres den Seesack ab und führte ihn ins Haus.
Im Treppenhaus des 'Blauen Wunders' herrschte heute keine friedliche Stille. Der Hund Wotan sprang übermütig kläffend durch die Gänge der alten Kaserne. Von oben brüllte Steves Stiefvater:
'Mach dich rauf, du Satansköter. Wirste wohl.'
Wotan hörte nicht auf ihn. Wotan hörte nie. Trotzdem. Wer immer noch schlief, der wurde jetzt wach. Türen öffneten sich. Stimmen wurden laut:
'Is ja wie im Irrenhaus. Was is’n los. Was gibt’s denn?' Steve klärte die Neugierigen auf:
'Der schwarze Mann ist endlich da.'
Sogar Katharinas Mama erschien mit verweintem Gesicht im Treppenhaus und jammerte:
'Schon wieder `n Mann. Immer Männer. Und jetzt auch noch’n Schwarzer. Det bringt doch nischt wie Unheil.'
Königin Katharina verbesserte die Mama:
'Das bringt doch nichts als Unheil. Du sollst ordentlich sprechen, Mama.'
Inzwischen hatte der Stiefvater Wotan eingefangen. Doch war er noch immer wütend. Wie gesagt. Wenn er wütend war, bemerkte er Steve manchmal. So auch jetzt:
'Der Faselhans zusammen mit’m Schwarzen. Passt sich doch. Die, was so schwarz sind, spinnen och alle. Von wegen Zaubertanz und gruslige Beschwörungen.'
Was der Stiefvater meinte, war Steve egal. Wichtig war, was Katharina sagte. Katharina sagte vorerst nichts. Sie musterte den schwarzen Mann mit geheimnisvollen Katzenaugen. Dann auch Steve, der immer noch den Seesack trug. Schließlich rümpfte sie die Nase und fragte:
'Biste `n Maulesel?'
Steve schämte sich ein bisschen. Aber immerhin. Katharina sprach wieder mit ihm. Leise sagte er zu Fidel:
'Das ist unsere Königin.'