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Leseprobe für das Buch Kollege Petry - Der Schulsheriff von Hans Hintz:

Neuntes Kapitel

Interview der Schülerzeitung Der Pennäler mit Frank Petry

PENNÄLER: Herr Petry, Sie sind von den Schülern unserer Schule zum 'Lehrer des Schuljahres 1992/93' gewählt worden. Wie gefällt Ihnen das?
PETRY: Das gefällt mir gut, und es hat keinen Unwürdigen getroffen. Auf der anderen Seite wäre es aber auch nicht nötig gewesen. Ich tue meine Arbeit gerne und schiele nicht nach öffentlicher Anerkennung, obwohl die, wie ich gestehen muss, auch mal ganz gut tut. So etwas wird einem in meinem Beruf ja nur selten zuteil.
PENNÄLER: Worin sehen Sie selbst, wenn ich das mal so formulieren darf, das Geheimnis Ihres Erfolgs?
PETRY: Von einem Geheimnis wird man da kaum sprechen können, und was den Erfolg betrifft, so kann man den eigentlich immer nur erhoffen, aber nicht wirklich feststellen, ich meine unabhängig von dem oft trügerischen Notenbild der Schülerleistungen. Davon abgesehen tue ich kaum mehr oder anderes, als was meine Kollegen auch tun.
PENNÄLER: Aber Ihre freiwilligen Nachhilfestunden sind ja doch schon mehr ...
PETRY: Gut, aber lassen wir das zunächst mal und bleiben bei der Obligatorik. Ich habe mich immer darum bemüht, mit Schülern ganz pragmatisch umzugehen, sie so zu nehmen, wie sie sind, und erst danach zu fragen, wie sie im Verständnis der Schule werden sollen. So habe ich mit Schülern eigentlich nie Probleme gehabt, jedenfalls keine, die sich nicht durch den Einsatz des gesunden Menschenver-standes und einige wenige elementare Kenntnisse in der Kunst der Menschenführung lösen ließen. Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen, den Schülern ein realistisches Bild von der Schule als einer respektablen Lehranstalt zu vermitteln und gleichzeitig die Anforderungen und Zumutungen, die sie für die Schüler bedeutet, soviel an mir liegt, zu mildern.
PENNÄLER: Besonders gepunktet haben Sie in unserer Umfrage bei den Fragen 'Bei welchem Lehrer macht der Unterricht besonders viel Spaß?' und 'Bei welchem Lehrer lernen wir wirklich was?' Überrascht Sie das?
PETRY: Warum sollte mich das überraschen? Darum bemühe ich mich ja gerade, um eine Verbindung dieser zwei Unterrichtsqualitäten, die sich auszuschließen scheinen, wobei ich unter Spaß durchaus nicht nur Spaß am Lernen – das wird ja als Unterrichtsstrategie ganz offiziell proklamiert –, sondern auch Spaß um des Spaßes willen verstehe, also gerade um etwas Abstand vom Lernen zu gewinnen. Und so wird denn bei mir viel gelacht und herumgealbert. Ja, wir haben schon oft heftig Spaß miteinander, und dabei geht es nicht immer zimperlich zu, die Schüler mögen es gerne deftig.
PENNÄLER: Ja, Ihre Bauernsau-Liturgie kennen inzwischen wohl alle Schüler. Wie kommen Sie eigentlich darauf, und was bezwecken Sie damit?
PETRY: Ich habe mal auf einem Bauernhof in Bayern Urlaub gemacht und da erlebt, wie eine Großmutter ihren halbwüchsigen Enkel, der sich sehr ungeniert benahm, oft hemmungslos gähnte und nieste, mit den Worten zurechtwies: 'Hand vors Maul, du Bauernsau!' Ich merkte schnell, dass das ein feststehender Ausdruck war, mit dem die alte Frau auf drastische, aber sehr nachdrückliche Weise auf diesen Knaben Einfluss nahm. Er kannte den Spruch, hörte ihn wahrscheinlich mehrmals täglich, und er zeigte Wirkung. Ich konnte tatsächlich eine Besserung seines Benehmens feststellen, und zwar lief das interessanterweise so, dass er sich die Worte der Großmutter laut vorsprach, also sich selber diesen Befehl gab, den er dann befolgte. Ich habe dieses Ritual dann modifiziert für meinen Unterricht übernommen, und wenn ein Schüler durch so ein rüpelhaftes Gähnen auffällt, sage ich: 'Hand vors Maul!' und die Klasse antwortet im Chor mit ausgesprochen herzlichem Nachdruck, wie ich immer wieder feststellen kann: 'Du Bauernsau!' Ich betrachte das als Katharsis, als Affektenreinigung, durchaus vergleichbar mit der von Aristoteles der griechischen Tragödie unterstellten Wirkung, wenngleich, zugegeben, trivialisiert. Einem unflätigen Verhalten wird ein unflätiger Ausdruck gegeben, statt ihm moralisch mit Ermahnungen und Appellen zu kommen. Das Ganze bewegt sich in einem Zwischenbereich von Ernst und Spaß, und gerade diese Mischung macht’s, dass diese Worte nicht beleidigend wirken, auf der anderen Seite aber durchaus als kollektiv geäußertes Missfallen an einem ungehörigen Verhalten verstanden werden. Nur dass das Ganze bei uns nicht in Königspalästen spielt, sondern in den Niederungen der gemeinen Schulstube.
PENNÄLER: Bei manchen Eltern oder auch empfindlichen Schülern und gerade bei Schülerinnen kommen Sie damit aber nicht gut an.
PETRY: Sicher, aber der Protest hält sich in Grenzen, und ich habe die aufkommenden Irritationen oder Bedenken in Gesprächen mit den Eltern und Schülern in der Regel ausräumen können.
PENNÄLER: Ein anderes Beispiel Ihrer unkonventionellen Konfliktlösungsstrategien ist die sogenannte Sandsack-Methode, von denen uns Mitschüler erzählt haben. Könnten wir die vielleicht mal aus dem Mund ihres Erfinders erklärt bekommen?
PETRY lacht: Ach, das war eigentlich nur mal so ein spontaner Einfall, der sich in einer bestimmten Situation dann aber bewährt hat. Das war einmal bei der Pausenaufsicht in der großen Pause. Da sah ich eine Gruppe älterer Jungen, Klasse 10, die sich mit einer zertretenen Blechdose, die sie sich gegenseitig zuschossen, die Zeit vertrieben. Als gewissenhafter Aufsichtslehrer musste ich da eingreifen, denn abgesehen von dem ohrenbetäubenden Geklapper ist das auch kein harmloses Spiel. Es kann sehr schmerzhaft sein, diesen durch die Verbeulung kantigen Gegenstand gegen die Fußknochen geschossen zu bekommen. Nun wisst ihr selbst, dass es nicht leicht ist heutzutage, Schüler zum Aufheben von irgendetwas zu bewegen. Ein Lehrer, der so etwas fordert, muss mit sehr großen Widerständen rechnen und sieht, wenn er sich nicht durchsetzen kann, oft schlecht dabei aus. Und hier zumal einer Gruppe von fünf schweren Jungs gegenüber und unter den Augen der ganzen auf dem Schulhof versammelten Schülerschaft. Das hat sofort den Charakter einer Machtprobe. Nun gut, Petry kneift nicht, hat aber auch kein Interesse an unnötigem Ärger. Ich gehe also zu den Schülern hin, spule zunächst, mehr der Form halber, als dass ich daran glaube, das übliche Bittprogramm ab, von wegen 'Würde mal bitte jemand die Dose in den Abfalleimer bringen?' – natürlich vergeblich. Darum spreche ich sie jetzt als Gruppe an, als die sie sich ja auch demonstrativ darstellen nach dem Motto 'Gemeinsam sind wir stark', und sage: 'Also gut, machen wir das gemeinsam!' Ich lasse sie sich in einer Reihe aufstellen zwischen mir und dem Abfalleimer, hebe die Dose auf und drücke sie dem mir Nächststehenden in die Hand: 'So, und jetzt deinem Kumpel zuwerfen!' Das Prinzip ist schnell begriffen, und so wandert die Dose über vier Stationen, bis sie von dem Letzten, der am Mülleimer steht, dort versenkt wird.
PENNÄLER: Raffiniert, Herr Petry. Man muss also aus den Pflichten nur ein Spiel machen und schon funktioniert es.
PETRY: Ja, aber nicht nur das, in diesem Fall ist es noch wichtiger, dass niemand bloßgestellt wird, also als der dumme August dasteht. Das ist es doch, was die Schüler davon abhält, der Aufforderung des Lehrers, etwas vom Boden aufzuheben, nachzukommen: die Angst, als Schwächling vor den anderen dazustehen. Die Sandsack-Methode, wie ich das genannt habe, vermeidet eine solche Bloßstellung und macht gleichzeitig sogar ein wenig Spaß, und zwar auf Kosten von niemand. Hier wird das Problem gemeinsam, in geteilter Verantwortung gelöst. Das entkrampft und fördert die Bereitschaft darauf einzugehen. Ihr habt schon Recht: Das spielerische Element ist dabei nicht zu unterschätzen. Es ist vorgekommen, da haben Schüler diese Maßnahme geradezu provoziert und sich dann das Streitobjekt mehrmals zugeworfen oder am Schluss Zielwerfen am Mülleimer getrieben. Dagegen ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, das Ding landet schließlich wirklich im Abfalleimer. Natürlich muss man aufpassen, wohin es treibt, und nach einer gewissen Zeit hat sich so etwas in seiner Wirksamkeit erschöpft, und man muss sich etwas Neues einfallen lassen.
PENNÄLER: Sie gelten als sehr strenger Lehrer. Ich glaube, seit wir hier an unserer Schule den Jahreslehrer ermitteln, sind Sie derjenige, dem die Schüler diese Eigenschaft im höchsten Maße attestiert haben. Normalerweise macht man sich durch Strenge ja nicht beliebt, jedenfalls bei den Schülern nicht.
PETRY: Irgendwann ist natürlich Schluss mit lustig, und die Schüler sollten wissen, wie weit sie gehen können. Dann heißt es wieder: 'Quousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra' oder 'Habe nun, ach, Philosophie ... und leider auch Theologie' oder was gerade ansteht, und dann kann mich auch nichts von meinem Unterricht abbringen, dann geht es einfach nur zur Sache. In solchen Phasen bin ich für Störungen absolut nicht empfänglich, und die Schüler wissen, dass sie sich, wenn sie jetzt aus der Reihe tanzen, ihnen liebe Vergünstigungen verscherzen.'
PENNÄLER: ... als da wären?
PETRY: Na ja, aufgelockerten Unterricht eben, mit diesem oder jenem Späßchen, einem Schwank aus meinem bewegten Leben, Exkurse in die Welt der Schusswaffen und Explosivstoffe und solche Sachen. Machen wir uns nichts vor: Es ist unvermeidlich, mit den Schülern gelegentlich Tacheles zu reden, und deutliche Worte müssen manchmal bis zur Schmerzgrenze gehen. Die sogenannte Standpauke ist ja wie so vieles aus der alten Schule arg diskreditiert, aber ohne sie geht es einfach nicht. Man darf Übeltäter nicht immer nur mit Samthandschuhen anfassen, sondern muss auch mal energisch zupacken dürfen. Ob man das coram publico oder unter vier Augen macht, hängt von den Umständen ab. Ich glaube, es gibt durchaus Fälle, wo ein Schüler es verdient hat und wo es von der Sache her auch angemessen ist, wenn er vor versammelter Mannschaft abgekanzelt wird – besonders in Fällen sozialschädlichen Verhaltens. Grundsätzlich bevorzuge ich aber das private Gespräch. Hier hat der Lehrer ganz andere Möglichkeiten, einen Schüler ins Gebet zu nehmen und ihm ins Gewissen zu reden.
PENNÄLER: Eine Eigenschaft, die Ihnen besonders hoch angerechnet wird, ist Ihre Bereitschaft, sich für Schüler auch weit über Ihre dienstlichen Verpflichtungen hinaus einzusetzen. So bleiben Sie schon seit einiger Zeit an zwei Tagen in der Woche bis tief in den Nachmittag hinein in der Schule, um schwächeren Schülern Nachhilfe zu erteilen und sie bei den Hausaufgaben zu betreuen.
PETRY: Zwar ist die Elternschaft unserer Schülerklientel nicht gerade arm, was aber nicht ausschließt, dass gerade für die Eltern leistungsschwacher Schüler der finanzielle Aufwand für eine Lehrernachhilfestunde sehr schmerzhaft sein kann. Außerdem will ich das Ganze frei von jedem Bürokratismus halten, wozu eben auch das Eintreiben des Geldes gehört. Viel lieber ist es mir und auch pädagogisch sinnvoller, den Schülern und Eltern freizustellen, wann und wie lange sie mein Angebot wahrnehmen wollen, und gleichzeitig mögliche Ansprüche und Reklamationen der Eltern auszuschließen, die sie im Falle von Geldzahlungen gegen mich erheben könnten. So können die Schüler kommen und gehen, wann sie oder ihre Eltern es wollen. Eine Anwesenheitsliste wird nur zum Zwecke der Information geführt, um besorgten oder misstrauischen Eltern Auskunft über den Aufenthalt ihrer Kinder geben zu können.
* * *
Dreiundzwanzigstes Kapitel

Große Pause auf dem Schulhof. Frank Petry hat Aufsicht und durchschreitet sein Revier in der ihm eigenen Gangart: mit nach außen gedrehten Fußspitzen, in den Knien leicht wippend, mit rudernd ausgreifenden Armen. Die Schüler spazieren gemütlich umher oder spielen fangen, stehen beisammen und unterhalten sich, essen und trinken, lernen für die nächste Unterrichtsstunde. Um Petry ist ein Distanzhof gebildet: Mindestens fünf Meter Abstand zu den Schülern bleiben stets gewahrt, kommt er näher, treten die Schüler zurück, weichen aus. Er hat etwas Furchterregendes an sich: Sein Blick ist starr, die Mundwinkel sind angespannt heruntergezogen, Haltung und Bewegungsweise signalisieren Kampfbereitschaft. Folgt man der Augenrichtung der Schüler, so scheint der Grund des respektvollen Abstands in seiner Hose zu liegen, die etwas tief hängt, ja im Rutschen begriffen zu sein scheint, wie von einem Gewicht nach unten gezogen.
Im Lehrerzimmer. Frank Petry wird verabschiedet. Schulleiter, Fachschafts- und Lehrerratsvertreter haben ihre Reden gehalten, kleine Präsente überreicht. Petry, nachdem er sich höflich bedankt hat, hält plötzlich eine Pistole in der Hand, gestikuliert mit ihr, hämisch grinsend, herum und feuert dann zweimal auf die über der Eingangstür befindliche Schuluhr. Die stürzt herunter und zerschlägt mit Getöse auf dem Boden. Panikartige Zustände im Uhrenbereich, kreischende Frauen-, fluchende Männerstimmen, dazwischen die verzweifelten Rufe des Schulleiters, der um Wiederherstellung der Ordnung bemüht ist. Viele Kollegen in der Nähe der Tür stürzen entsetzt nach draußen, die anderen bleiben, kaum weniger konsterniert, zurück. Kurz darauf die Polizeisirene. Die geflüchteten Kollegen haben die Polizei alarmiert.

Die Verabschiedung war für die fünfte Stunde vorgesehen – Ende offen – und galt einem Kollegen, der den Gedanken an einen vorgezogenen Ruhestand lange Zeit weit von sich gewiesen, darin eine Kapitulation geradezu vor der pflichtgemäßen Vollendung seiner Lebensaufgabe gesehen und sich dann doch zur allgemeinen Überraschung entschlossen hatte, vorzeitig aus dem Schuldienst auszuscheiden – dem Kollegen Frank Petry. Ein Nachlassen seiner Leistungskraft oder häufiges krankheitsbedingtes Fehlen war niemandem aufgefallen, und das Gehetzte, die geistige Abwesenheit während Konferenzen, die Neigung zur Transpiration, mitunter auch eine leichte Reizbarkeit, die manche an ihm wahrnahmen, konnten Anzeichen für alles Mögliche sein, ohne zwingend auf einen pensionsreifen Lehrer hinzuweisen. Dagegen auch stand der beachtliche Einsatz, den Petry vor allem bei Klassenfahrten nach wie vor zeigte: Fahrten ins Schullandheim, vorzugsweise mit Frau Hedrich, Studienfahrten in der Oberstufe und die mindestens zweimal jährlich mit Frau Dr. Degner durchgeführten Wochenendausflüge nach Paris und London zeugten für ein ungebrochenes schulisches Engagement, dessen Wert dadurch nicht gemindert wurde, dass er sich so natürlich auch Abstand vom sonstigen Schulstress verschaffte. Die ihn näher kannten allerdings wussten, wie sehr er sich in den letzten Jahren den 'gleichbleibend hohen Standard meiner schulischen Arbeit' abringen musste: gegen die schleichende Untergrabung seiner Gesundheit, gegen private Schicksalsschläge und gegen den 'galoppierenden Niedergang' einer Schule, in der er sich zunehmend fehl am Platze fühlte. Und die 'Affäre' um seinen 'Schulaltar' ging ihm näher, als man für möglich gehalten hatte. Kurze Zeit später stellte Frank Petry den Antrag auf vorzeitige Versetzung in den Ruhestand nach § 45 des Landesbeamtengesetzes von Nordrhein-Westfalen, das ein Ausscheiden aus dem Schuldienst nach Vollendung des dreiundsechzigsten Lebensjahres ermöglicht.
Das also war der Grund, warum das Kollegium sich in der fünften Stunde, beinahe vollzählig, im Lehrerzimmer versammelt hatte. Zwei Kollegen fehlten, aber ein anderer, der nicht mehr dazu gehörte, war erschienen: der Ehemalige Georg Hirschmann. Er sah sich bei Petry im Wort stehen, dem er die Teilnahme an seiner Verabschiedung zugesagt hatte, hatte sich über die Berührungsängste mit seiner alten Schule das eine Mal hinweggesetzt und saß nun – sein früherer Platz neben Petry war natürlich besetzt – auf einem dem Nebenzimmer erborgten Stuhl seitlich hinter seinem alten Tischnachbarn.
Schulleiter Christian Rohloff betrat den Raum, ein noch junger Mann, der zielstrebig seinen Aufstieg betrieben hatte. Mit vierunddreißig als Studienrat an die Schule gekommen, hatte er sich mit wahrem Feuereifer in die Arbeit gestürzt, an sich gerissen, was an Ämtern und Funktionen zu vergeben war, vorzugsweise 'systemrelevante' Aufgaben wie Oberstufenleitung und -koordination, war mit sechsunddreißig Oberstudienrat, mit achtunddreißig Studiendirektor, mit neununddreißig kommissarischer Schulleiter und mit vierzig Vollschulleiter des Gymnasiums mit der gebührenden Amtsbezeichnung Oberstudiendirektor. Teils bewundernd, teilweise neidisch verfolgte man diese Entwicklung, die sich unaufhaltsam und wie selbstverständlich vollzog. Ehrgeizige Kollegen gab es wohl viele, besonders unter den mächtig nachrückenden jüngeren Leuten, doch keiner von ihnen hatte die Stirn gehabt, in so geradlinigem Kurs direkt das höchste schulische Amt des Gymnasiums anzusteuern. So war Rohloff konkurrenzlos geblieben. Die Übernahme der Amtsgeschäfte durch ihn wurde als Neuanfang gewertet. Was Henning routinemäßig, zuletzt auch etwas lustlos und mit nachlassender Energie, betrieben hatte: die Durchsetzung einer auf Permanenz gestellten Schulreform, forcierte der Neue mit dem Elan des unverbrauchten Mannes in den besten Jahren. Dass er darüber hinaus auch ein einnehmendes Wesen hatte, trug außerdem dazu bei, dass man der Übernahme der Amtsgeschäfte durch ihn hoffnungsvoll entgegensah, ein Optimismus, der nach knapp zwei Jahren allerdings schon einiges an Schwung verloren hatte.
Drei Schüler, so begann Rohloff, als sich die Unruhe nach einigen Klingelzeichen gelegt hatte, stünden vor der Tür und wollten sich von Herrn Petry verabschieden. Das war nicht jedem Kollegen beschieden und galt als beachtliche Geste der Wertschätzung eines Lehrers.
Es waren drei Schüler der Jahrgangsstufe 12: ein großgewachsener, schlaksiger Schüler, selbstbewusst, intelligent und gar nicht schüchtern, wie sich schnell zeigte, sowie zwei hübsche Schülerinnen, freundlich verlegen lächelnd und still. Alleiniger Sprecher war der junge Mann, der sich bei Petry als seinem und seiner Mitschülerinnen langjährigen Klassen- und Fachlehrer 'für viele schöne, lehrreiche und unterhaltsame Stunden' bedankte, vor allem solche, die nicht nur 'dem drögen Unterrichtsstoff', sondern 'spannenderen Dingen' gewidmet waren. Sehr nachhaltig seien ihm und seinen Mitschülern, in erster Linie natürlich den Jungen, seine, Petrys, 'Exkurse' über Waffen in Erinnerung geblieben, die Erklärung des Unterschieds etwa zwischen Pistole und Revolver oder der revolutionären Technik des Zündnadelgewehrs. Dass er entsprechende Stellen in literarischen Texten, so in Goethes Werther und Fontanes Effi Briest, zum Anlass genommen habe, über die damals verwendeten Schusswaffen zu sprechen, sei vielen besser in Erinnerung geblieben als die eigentliche Interpretationsarbeit, die solche Details meistens ja nicht berücksichtigt. Auch die Art, wie er mit ihnen seinerzeit über den Amoklauf in Winnenden gesprochen habe, habe sich wohltuend von den oft sehr moralisch gefärbten Gemeinplätzen und Appellen unterschieden, wie die Schüler sie sonst immer zu hören bekamen. Natürlich sei bei dieser Gelegenheit auch die Frage des Schutzes der Schüler angesprochen worden, und einer ihrer Mitschüler habe einmal, unter Anspielung natürlich auf seine große Waffensammlung, ganz direkt die Frage gestellt: ,Können Sie denn da nichts für uns tun, Herr Petry?‘ Schwer zu sagen, ob das ernstgemeint, nur so dahingesagt oder als Provokation gedacht gewesen sei.
'Ihre Antwort, Herr Petry, war jedenfalls kurz und klar: ,Können schon, dürfen nicht.‘ Damit war eigentlich alles gesagt. Wir gewöhnten uns daran, Ihre Worte für die Tat zu nehmen, und ich glaube, wir fühlten uns bei Ihnen immer etwas sicherer als bei den anderen Lehrern. Eine Zeitlang hießen Sie – ich weiß nicht, ob Ihnen oder Ihren Kollegen das aufgefallen ist – bei uns ,Sheriff Petry‘. In diesem Sinne nun möchte ich Ihnen, Herr Petry, in Anerkennung Ihrer Verdienste um Ihre Schüler, den Sheriffstern 1. Klasse verleihen. Dass dies erst nachträglich geschieht und nicht wie üblich im Voraus als Aushändigung eines Dienstabzeichens, soll den Charakter dieser Verleihung als einer Auszeichnung, eines Ordens, verdeutlichen.'
Daraufhin entnahm er dem Kästchen, das eines der beiden Mädchen trug, einen metallisch glänzenden Gegenstand, ging auf Petry zu und befestigte ihn mit einem Sicherheitsnadelverschluss an dessen Revers.
Freundlicher, in der Stärke aber verhaltener Applaus begleitete die ungewöhnliche Ehrung, für die sich der Ausgezeichnete gerührt bedankte.
'Vielen Dank, lieber Florian. Das ist wirklich eine schöne Überraschung. Wo habt ihr den her?'
'Nicht vom Flohmarkt, das können Sie mir glauben. Nein, der ist wirklich echt, aus USA, als ich dort voriges Jahr im Schüleraustausch war, in Iowa. Ich bin da mal in einem Fachgeschäft für Polizei- und Armeeantiquitäten gewesen, da musste ich natürlich an Sie denken.'
Petry drückte dem Schüler die Hand, vergaß auch nicht, sich bei den 'beiden Schönen, dem schweigenden, aber umso beredteren Blickfang der Abordnung' zu bedanken, und nahm wieder Platz.
Die Rede des Schulleiters war spürbar von Sympathie für den alten Kollegen geprägt, den er selbst nur kurze Zeit gekannt, aber seiner Erfahrung und Verlässlichkeit wegen sowie als 'Ruhepol des Kollegiums' schätzen gelernt hatte. Dass seine Worte, der menschlichen Wärme ungeachtet, die aus ihnen sprach, etwas floskelhaft wirkten, dürfte in der Hauptsache der nur lückenhaften Kenntnis von Petrys Vita geschuldet sein, die er fast nur aus zweiter Hand, aus Akten oder aus Berichten Dritter, kannte.
Herr Petry habe den Wunsch nach einer 'schlanken Verabschiedung' geäußert, und daran wolle er sich halten – Erleichterung bei vielen: den Hungrigen, die ans Büfett, den Ungeduldigen, die nach Hause wollten. Und so beschränkte Schulleiter Rohloff sich auf knapp fünf Minuten, in denen er, orientiert an den wenigen Laufbahndaten, die er hatte, ein gleichwohl treffendes Bild des Lehrers Petry entwarf, der sich gleichermaßen durch sein 'freundliches, hilfsbereites Wesen' wie durch seinen 'unverwechselbaren Erziehungsstil' sowohl seinen Kollegen als auch 'Generationen von Schülern nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt' habe. Nicht unerwähnt lassen wolle, ja könne er die 'beinahe schwindelerregende Zahl von Vertretungsstunden', die Herr Petry in all den Jahren abgeleistet habe. Und er nannte die Zahlen der letzten zehn Jahre, die in der Tat beeindruckend waren. Keiner, so viel war klar, reichte da auch nur annähernd an Petry heran. Dabei war kaum jemandem bekannt, dass er eine Bezahlung seiner Überstunden nie in Anspruch genommen hatte. Auch seine Gesundheit scheine, fuhr der Schulleiter fort, wenn man die Zahl seiner Fehlstunden betrachte, von geradezu 'unverwüstlicher Robustheit' zu sein. Hier war doch ein zweifelndes Schwanken des Kopfes bei dem so Gelobten zu beobachten. Und der Chef nannte auch hier eine Zahl, die manchen Kollegen eigentlich schamrot hätte anlaufen lassen müssen, die innerhalb eines halben Jahres nicht selten ein Fehlstundenquantum angesammelt hatten, auf das Petry in zehn Jahren nicht gekommen war. Rühmende Erwähnung fand auch seine überpünktliche Anwesenheit frühmorgens, ein Umstand, dem die Schule beziehungsweise viele Kollegen zu Dank verpflichtet seien, wenn man an die Vielzahl von Frühaufsichtsvertretungen denke, die Herr Petry für säumige oder verspätete Kollegen übernommen habe, an die Betreuung des Fotokopierers vor Unterrichtsbeginn oder an die großzügige Versorgung der Kollegen mit Tee und Gebäck.
Als der Schulleiter Petry nach Abschluss seiner Eloge die offizielle Abschiedsurkunde überreichen wollte – 'Für seine treuen Dienste werden ihm Dank und Anerkennung ausgesprochen' –, winkte dieser ab: 'Das können Sie behalten, Herr Rohloff, daran bin ich nicht inter-essiert.'
Der Chef war irritiert und blickte abwechselnd Petry, das Kollegium und die Urkunde an, die er wie verloren in seiner linken Hand hielt.
'Ist das Ihr Ernst, Herr Petry?'
'Mein voller Ernst', entgegnete dieser. 'Dieses Produkt amtlicher Ranküne ist das Papier nicht wert, das es zur Verhöhnung menschlicher Arbeit missbraucht.'
Rohloff verweilte noch eine Zeitlang ratlos, vielleicht noch auf einen Gesinnungswandel des widerstrebenden Kollegen hoffend. Doch der rührte sich nicht.
'Und was soll ich damit machen?'
Petry zuckte die Achseln: 'Am besten zurückschicken. Empfänger unbekannt. Sie können es aber auch schreddern und so besserer Verwendung zuführen. Unterschrieben habe ich den Wisch über die Beendigung des Dienstverhältnisses ja, beurkundet haben möchte ich das aber nicht.'
Einige Kollegen grinsten, hauptsächlich die älteren, die Petry kannten und wussten, dass er schon die Urkunde zu seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum zurückgewiesen hatte. Rohloff war di-plomatisch genug, aus der unerwarteten Störung des Rituals kein Drama zu machen, und setzte, nun wieder gefasst, das vorgesehene Programm fort.
'Die Wahl des Geschenkes war uns in Ihrem Fall keine Qual, denn es bot sich, in Anbetracht Ihres Hobbys, geradezu an. Herr Petry ist ja', wandte er sich an das Plenum, 'wie die meisten von Ihnen wissen und wie es ja auch die Schüler soeben noch einmal in Erinnerung gebracht haben, begeisterter und auch erfolgreicher Sportschütze.'
Und er überreichte Petry ein ansehnliches Buch mit farbenprächtigem Schutzumschlag und las vor: 'Walter Lampel und Richard Mahrholdt: Waffenlexikon. Das wenigstens, Herr Petry, werden Sie doch hoffentlich annehmen?'
'Natürlich, Herr Rohloff, vielen Dank, und ich bitte, meine Verweigerung in dem anderen Fall nicht persönlich zu nehmen.'
Nun waren die Fachvorsitzenden für Deutsch und Lateinisch dran.
Kollege Merz entledigte sich seiner Aufgabe mit der gewohnten Routine, um kein Wort verlegen, rühmte Petrys konstruktive Mitarbeit in der Deutsch-Fachkonferenz – schmeichelhaft für diesen, der zwanzig Jahre lang sich hier kaum mal hervorgetan hatte – sowie seine ständige Ansprechbarkeit und Verlässlichkeit als Ratgeber und Helfer in allen Fragen von fachspezifischer Bedeutung. Und er händigte ihm, mit leicht verlegenem Lächeln wie nicht so ganz überzeugt von der Richtigkeit dieser Wahl, zwei hölzerne Buchstützen mit den reliefartig geschnitzten Konterfeis Goethes und Schillers aus.
Petrys Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch er bedankte sich brav.
Die junge Kollegin Tanja Brandt, die für die Lateiner sprach, tat sich schwerer, beklagte die Lücke, die Petrys Weggang in die Drei-Personen-Fachkonferenz Latein riss, und punktete mit ihrer sympathischen Schüchternheit, nicht zuletzt durch die gewinnende Art, wie sie Petry schließlich zwei Küsse gewährte. Ihr Geschenk: eine gerahmte Fotomontage zweier Bilder, eines von Cicero und eines von Frank Petry, raffiniert übereinander geblendet, so dass je nach Drehung oder Blickwinkel mal mehr das eine, mal mehr das andere Gesicht in Erscheinung trat.
Petry strahlte: Das war ein Geschenk nach seinem Geschmack.
Üblicherweise hatte nun der Verabschiedete das Wort. Die meisten Kollegen fassen sich kurz, andere holen weiter aus, einige halten längere Reden, besonders dann, wenn sie glauben, mit der Schule noch eine 'Rechnung zu begleichen' zu haben. Wie würde sich Frank Petry verhalten? Seine Rede zur Verabschiedung von Schulleiter Henning war noch in guter Erinnerung. Das konnte lang werden, doch man sah sich getäuscht. In eigener Sache fasste sich Petry kurz.