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Leseprobe für das Buch Mistelchen macht sich auf den Weg (Band 1) ( zu Band 2) ( zu Band 3) von Hrsg: Stiftung Integrative Medizin; Autor: Elke Landgrebe:

Inhalt

Kleines Dorf
Hey, Sie da!
Jakob zieht los
Einfach gemein!
Wer bist du?
Freunde
Emil
Im Wald
Oh Schreck
Abschied
Amelie


Kleines Dorf

Der Busfahrer trat viel zu stark auf die Bremse. Jakob rutschte gegen die Rückenlehne des Vordersitzes und stemmte sich gegen den Haltegriff. Erschrocken wanderte seine linke Hand über sein breites Nasenpflaster.

'Haltestelle Weißbeeringen Ortsmitte', rief der Busfahrer. Zögerlich warf sich Jakob seinen Rucksack über die Schulter. Er war noch nie alleine mit dem Bus verreist. Jakob hatte Mühe mit dem sperrigen Skateboard und trug es mit ausgestreckten Armen über die Sitze hinweg. Schritt für Schritt arbeitete er sich durch den schmalen Gang nach vorne. Der Fahrer ließ seinen jungen Fahrgast nicht aus den Augen. Er hatte den Jungen schon eine Weile aus dem Rückspiegel heraus beobachtet. 'Das Ding kannst du auf dem Land nicht gebrauchen', sagte er, den Blick auf das Board gerichtet. Doch da war Jakob schon ausgestiegen.
Ein frischer Windzug strich über Jakob hinweg. Er blinzelte gegen die Sonne und erkannte ein vertrautes, runzliges Gesicht.
Eine große Hand streckte sich ihm entgegen. 'Da bist du ja!', begrüßte ihn Opa Ludwig. Während Jakob sich von Opas Hand durchschütteln ließ, schielte er sehnsüchtig dem abfahrenden Bus hinterher. Wie gerne wäre er wieder mitgefahren. Was konnte er in Weißbeeringen schon tun? Lange Spaziergänge kamen ihm in den Sinn an langweiligen Feiertagen. An weitere Unternehmungen mit Opa konnte Jakob sich gar nicht erinnern. Dafür hatten Mama und Papa sowieso nie Zeit gehabt.
Opa beugte sich zu seinem Enkel herunter und deutete mit dem Finger auf dessen Pflaster. 'Schlimm?', fragte er.
'Och', wich Jakob aus. 'Bin gestürzt – von der Kletterspinne.' Jakob vermied es, Opa in die Augen zu sehen. Nichts bereute er mehr als seinen Spielplatzbesuch letzten Sonntag. Jetzt musste er schon wieder seinen Sturz erklären. 'Die Ärztin hat die Wunde genäht', fügte er hinzu. Er würde nie wieder irgendwo hinaufklettern, nahm er sich vor. Selbst dann nicht, wenn ihm von oben Zitroneneis oder eine Goldmünze entgegenglitzerte.
Jakobs Pläne sahen anders aus. Er war auf dem besten Weg, ein richtig guter Skateboardfahrer zu werden.
Die Dorfstraße endete am durchgestrichenen Ortsschild und wurde zu der holprigen Landstraße, über die er mit dem Bus gekommen war. Er sah sich um. Zwischen den wenigen Häusern pickten Hühner auf dem kargen Boden herum. Ein graues Kätzchen lag ausgestreckt auf einem Fußabstreifer und schlief. Eine alte Frau schob einen Besen vor sich her und nickte Opa zu. 'Gibt es in Weißbeeringen keine Kinder?', fragte Jakob. Doch Opa schien seine Frage nicht zu hören. Schweigend sah er nach oben.
Da hob Jakob ebenfalls den Blick. Gleich neben der Haltestelle ragte ein riesiger Baum in den Himmel, dessen Stamm von einer runden Holzbank umschlossen wurde. 'Das ist die alte Dorflinde', erklärte Opa. 'Sie trägt noch keine Blätter, denn dafür ist es Anfang April noch zu früh.'
Jakob betrachtete die Linde etwas genauer. Obwohl der Baum noch kahl war, leuchteten die Pflanzenkugeln, die da oben im Geäst steckten, in einem hellen Grün. 'Sind das Vogelnester da oben?', fragte Jakob. 'Nein', gab Opa zurück. 'Das sind Misteln.'
Mit feierlicher Stimme ergänzte er: 'Die weißbeerige Mistel, man nennt sie auch Viscum album mit wissenschaftlichem Namen.' Jakob wich zurück, denn Opa klang wie ein Lehrer und das mit dem Baum wollte er doch gar nicht so genau wissen.
Jakob wünschte, er wäre zuhause in seiner Stadt. Viele seiner Schulfreunde waren verreist. Leider hatte sich niemand gefunden, bei dem er über die Ferien untergekommen wäre.
Jakobs Eltern waren geschäftlich nach London geflogen und alleine durfte er nicht zuhause bleiben. Er schmollte.
'Nicht einmal eine Woche', meinte Opa, als hätte er in Jakobs Kopf geschaut. 'Das schaffen wir schon!' Dann setzte er gemächlich einen Fuß vor den anderen. Opas Oberkörper wankte bei jedem Schritt. Hin und wieder fasste er sich an seinen Rücken, als hätte er Schmerzen.
Opa Ludwig trug Gärtnerkleidung. Alles an Opa war grün. Außer die Haare natürlich, die waren weiß. Jakob sah ihm eine Weile hinterher. Dann stellte er sein Skateboard an den Straßenrand, setzte den rechten Fuß darauf und stieß sich mit dem anderen Fuß von der Straße ab. Doch er rollte nicht lange, denn kurz nach dem Ortsschild musste er abspringen.
Opa hatte ohne Vorwarnung einen Wiesenpfad beschritten.
Vögel stiegen vom Feld auf. Sie flatterten über Jakobs und Opas Köpfe hinweg und landeten auf dem Dach eines großen, freistehenden Gebäudes. 'Das ist der Egerhof', erklärte Opa. 'Da gibts die beste Milch von Weißbeeringen.' Und wie zur Bestätigung wehte ihnen ein lautes 'Muh' entgegen.
Jakob sah hinunter auf sein Board. Enttäuscht nahm er es hoch. Auf dem Wiesenpfad würde er damit so gut vorankommen wie in einem Sandkasten. Was blieb ihm also anderes übrig, als das Ding zu tragen und Opa hinterher zu trotten?
Das riesige Feld, das vor ihnen lag, erstreckte sich bis zum kleinen Wäldchen hinüber. 'Sieh mal!', sagte Opa. Er deutete auf ein Häuschen und auf das schräge Glasdach dahinter. 'Erkennst du die Gärtnerei Blume?' Natürlich erkannte Jakob Opas Gärtnerei. Er war ja nicht zum ersten Mal hier. Das kleine Häuschen, der Blumenladen und dahinter das Gewächshaus. Das alles war Jakob wohl bekannt. Außerdem erinnerte er sich an den Entenweiher, ganz in der Nähe. 'Nehmen wir gerade eine Abkürzung?', fragte Jakob. Opa nickte. Den Weg übers Feld kannte er nicht. Normalerweise fuhr er, zusammen mit seinen Eltern, im Auto über die Dorfstraße und dann über den Betonweg zur Gärtnerei Blume hinaus. Jakob fiel ein neues Haus auf, das neben Opas Grundstück stand. 'Wer wohnt denn da?', wollte Jakob wissen. Das Haus sah aus wie ein riesiger Glaswürfel, richtig modern. Doch Opa winkte ab, als wolle er auf keinen Fall über seine neuen Nachbarn sprechen.


Freunde
Am nächsten Morgen wurde Jakob von einem Knistern geweckt. Als er seine Augen öffnete, sah er, wie ein Bonbonpapierchen gerade vom Küchenschrank herunter schwebte. Er setzte sich auf, stieß aber zuerst, wie jeden Morgen, mit dem Kopf gegen das Fensterbrett. 'Au', rief er.
Opa betrat den Raum. Verwundert sah er auf den Boden. Dann nahm er einen Besen zur Hand und kehrte die vielen Bonbonpapierchen zusammen, die über den gesamten Küchenboden verstreut herumlagen. 'Ich hoffe, du hast wenigstens gestern Abend noch deine Zähne geputzt', sagte Opa, während er die Papierchen von der Kehrschaufel in den offenen Mülleimer hinein schüttete. Dann stellte er den Milchtopf auf den Herd und begann den Frühstückstisch zu decken.
Jakob konnte es kaum erwarten, bis sie gefrühstückt hatten. 'Helga ist im Urlaub', sagte Opa. 'Ich kann mich heute leider nicht um dich kümmern. Was hast du vor, Jakob? Skateboardfahren? Du weißt ja, wo du mich findest, falls du mich brauchst!' 'Ich komm schon zurecht', sagte Jakob. Da stieg Opa in seine grünen Gummistiefel und zog die Haustür hinter sich zu.
Jakob war allein. Er schob den Küchenstuhl unter den Schrank, stieg hinauf und reckte seinen Hals so weit nach oben bis er das Mistelchen sehen konnte. Es saß in der leeren Bonbontüte. 'Bääh', schallte es heraus. 'Hei', rief Jakob, 'du rülpst ja!' Jakob schnappte sich die Bonbontüte und sah hinein. Das Mistelchen schaute verstohlen zu ihm auf. 'Bedienst du dich immer von anderer Leute Sachen?', fragte er. 'Schon', sagte Mistelchen. Dabei wurde es blassgrün. 'Das sind doch Opas Bonbons' erklärte Jakob. Sofort bereute er es, denn Mistelchen wirkte mit einem mal traurig. 'Opa schimpft?', fragte es. 'Nein, Opa schimpft nicht', beruhigte es Jakob. Da lächelte es wieder. 'Warum redest du überhaupt mit mir?', fragte Jakob. 'Wer Mistelchen sucht, dem Mistelchen hilft.' Jakob wurde verlegen. Er hatte doch eigentlich nur sein Skateboard gesucht. Oder?
Egal, jetzt war er froh, dass er außerdem auch das Mistelchen gefunden hatte.
'Wald hui', pfiff es. 'Ich geh nicht in den Wald, falls du das meinst', sagte Jakob. Da fingen die Blättchen an zu schwirren. 'Mistelchen mit!'