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Leseprobe für das Buch '... und am Ende zahlen wir die Zeche!'
Eine Erzählung aus der Zeit von 1900 bis 1920
von Dieter Frenzel:

Dunkelheit umfängt ihn. Ein unheimlicher Druck auf Brust und Kopf macht ihm das Atmen schwer. Langsam kehrt das Bewusstsein wieder. Er versucht die Augen zu öffnen. Es gelingt ihm nicht. Er schreit: 'Hilfe! Holt mich hier raus!' Niemand hört ihn. Beim Versuch die Arme und Beine zu bewegen, zieht ein furchtbar stechender Schmerz durch seinen Körper. Er fällt zurück in den ohnmachtähnlichen Zustand. Lange liegt er so. Wie lange? Irgendwann versucht er erneut die Augen zu öffnen. Durch einen Spalt seiner Lider sieht er ein mit einer weißen Haube umrahmtes Gesicht. Aus weiter Ferne dringen die Worte: 'Er wacht auf!' an sein Ohr. Dann umfängt ihn erneut der Dämmerzustand. Nach Stunden, oder waren Tage vergangen?, öffnet er die Augen. Zuerst sieht er einen schwachen Lichtschein. Mühselig dreht er den Kopf zur Seite. Links von ihm stehen eine Reihe Betten, rechts von ihm ebenfalls. Das muss ein Lazarett sein, geht es ihm durch den Kopf. Er ist also nicht verschüttet. Er empfindet einen starken Druck auf der Blase. Er ruft: 'Sanitäter!' Mehrere weiß gekleidete Frauen mit weißen Hauben auf den Köpfen bewegen sich fast lautlos in den Gängen zwischen den Bettenreihen. Wortlos schiebt ihm eine der Frauen eine Flasche zwischen die Schenkel. Er nimmt immer mehr wahr, dass seine Brust umwickelt ist, der Kopf mit einem festen Verband versehen und auch die Arme und Beine verbunden sind. Die Erinnerung an das Geschehene wird wach. Beim Versuch verletzte Kameraden zum Verbandsplatz zu schleppen war er von der Druckwelle einer einschlagenden Granate erfasst und von umherfliegenden Balken getroffen worden. Granatsplitter hatten ihm Wunden gerissen. Letzteres wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er erkannte allmählich seine Umgebung. In einem großen Saal, wohl zu einem Gasthof gehörend, standen mehrere Reihen Betten, die, so schien es ihm, alle belegt waren. Stöhnen und auch lautes Schreien drang an sein Ohr. Das Atmen fiel ihm nach wie vor schwer. Die Bewegungsunfähigkeit, zu der er verdammt schien, belastete ihn unerträglich. Wo befand er sich überhaupt? Dass es ein Feldlazarett sein musste, in dem er lag, war ihm bewusst geworden.
Geschützdonner war zu hören. Manche Einschläge lagen gar nicht weit entfernt. Also musste das Lazarett dicht hinter der Front liegen. In sein Grübeln hinein, er hatte die Augen geschlossen, wurde er an der Hand gefasst. Vor ihm stand eine uniformierte Gestalt mit einem weißen Kittel, der lose um die Schultern gelegt war. Das Monokel im Auge sprach ihn an: 'Wer sind Sie?' Mit matter Stimme antwortete er: 'Melde gehorsamst, Herr Stabsarzt! Sanitätsunteroffizier Ludwig Stein!' - 'Na prima! So weit reagiert das Oberstübchen wieder! Wir haben Sie einigen Operationen unterziehen müssen. Es waren etliche Granatsplitter herauszuholen, glücklicherweise nur aus den Weichteilen in den Oberschenkeln und in der Schulter, aber es sind mehrere Rippen gebrochen, ein Schienbein und das Schultergelenk. Ihr Kopf macht uns dabei die größten Sorgen. Bewegen Sie ihn nicht ruckartig. Liegen Sie still! In ein paar Tagen hoffen wir, Sie nach rückwärts verlegen zu können.' - 'Gestatten Herr Stabsarzt! Was ist aus meinem Trupp geworden?' - 'Der Kamerad, der Sie herausgeholt hat, liegt dort hinten. Wir mussten ihm den Arm amputieren. Wenn die Wunde verheilt ist, wird er nach Hause entlassen. Von den beiden anderen weiß ich nichts.' Dass sie gefallen waren, verschwieg er.
Ludwig war wieder allein mit seinen Gedanken. Er schlief ein. Es muss ein langer Schlaf gewesen sein. Als er erwachte, spürte er unbändigen Hunger. Eine Schwester, die schon mehrfach nach ihm gesehen hatte, brachte ihm auf sein Verlangen eine Tasse mit einer Brühe. Löffelweise reichte sie ihm die dünne Nahrung. Zwischendurch stellte er die Frage: 'Wie lange liege ich schon hier?' - 'Es ist der vierte Tag, seit Sie zu uns gebracht wurden. Wie lange Sie aber auf dem vorderen Verbandsplatz waren, weiß ich nicht.' Wieder schlief er ein. Wenn er wach wurde, sah er Träger durch die Gänge gehen. Sie trugen Verwundete, oder waren es Tote, heraus, andere wurden hereingetragen. Draußen ging also das Wüten des Krieges weiter. In ihm regte sich eine immer stärker werdende Wut über das sinnlose Sterben, das er nun schon so lange erleben musste. Wie viele Verwundete er in den Jahren des Krieges zurückgeschleppt oder in der vorderen Linie verbunden hatte, wusste er nicht mehr. Er hatte schon bald aufgehört, sie zu zählen. Das Nachdenken über viele Ereignisse seiner Dienstzeit strengte ihn an. Oft lag er ohne einen Gedanken da und nahm kaum war, was um ihn herum vor sich ging. Richtig wach wurde er nur, wenn ihn die Schwestern versorgten und ihn bei den dabei verursachten Bewegungen Schmerzen befielen.