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Leseprobe für das Buch Wo liegt Trizonesien?
Ein Kinderleben nach dem Krieg
von Dr. Erwin Isenberg:

Das quere Holzbein

... Friedemann machte sich freilich so seine Gedanken über dies und alles das, was zwischen den Erwachsenen verhandelt wurde. Er hätte auch viele Fragen gehabt, aber nicht immer wollte er die wichtigen Gespräche über Krieg und Frieden, über Hitler und die Autobahnen, die Gefallenen und über den Russen an sich stören. Daher hörte er, bis auf wenige Ausnahmen, geduldig zu.
An einem Nachmittag, so erinnerte sich Friedemann, war wieder mal jener Onkel gekommen, der – wie immer – einen bestimmten Stuhl beanspruchte, um sein steifes Bein der Länge nach quer durch die eng besetzte Stube auszustrecken. Des Onkels Steifigkeit an dieser Stelle erklärte sich dadurch, dass sein Bein, das er in Russland gelassen hatte, durch eine Holzkonstruktion ersetzt worden war. Wenn er gelegentlich daran klopfte, um 'nie wieder Krieg' zu wünschen, klang es schaurig hohl. Wie beliebte er doch zu sagen: 'Mit einem Bein steh‘ ich schon im Grab.' Oder Großvater, der ihm noch einen weiteren Doppelkorn einschüttete und zusprach: 'Komm Hermann, auf einem Bein allein kann man nicht stehen.'
Die Tanten, die zum Auflegen weiterer Gedecke immer wieder zum Schrank jenseits des queren Beines hinüberlangen mussten, übten sich in Sprüngen. Gottseidank gab es in dieser Hinsicht keine Gefallenen.
Friedemann hob die Hand und streckte den Zeigefinger artig in die Höhe. So bekam er, der gerade als i-Männchen die Gepflogenheiten des geordneten Schulunterrichts kennen gelernt hatte, die gewünschte Aufmerksamkeit für seine Frage. 'Onkel Hermann, bist Du ein Held?'
Es wurde für einen Moment still in der Stube.
Die Großtante, die sich die Hand hinter ihre Ohrmuschel hielt, fragte: 'Ich hab’s nicht verstanden. Was ist unser Hermann?'
'Ein Held!', riefen alle im Chor, – einhellig nur wegen der Lautverstärkung.
'Du kannst vielleicht Fragen stellen!', gab der Onkel verlegen zurück.
Das war natürlich keine Antwort. Friedemann zitierte seinen Kumpel Tommy, der gesagt hatte: Helden müssen immer erst tot sein, sonst sind sie keine richtigen Helden.
Er wisse das schließlich, denn sein Vater sei 'auf dem Feld der Ehre' gefallen. In dem Beileidschreiben zu der Todesnachricht, die seine Mutter damals vom Dorfpostboten, genannt 'Uhu', zugestellt bekam, wurde er ein Held genannt und das Vaterland sei ihm zu großem Dank und ewigem Andenken verpflichtet. 'Was heißt schon Beileid?', knurrte der Großvater. 'Das ist eine Beleidigung.'
'Ich glaube schon', entgegnete der Onkel, 'dass auch ich ein Held bin, selbst wenn ich noch lebe – bis auf mein eines, abgestorbenes Bein. Immerhin hab‘ ich das fürs Vaterland geopfert.'
Friedemann schaute ihn groß an. Er überlegte eine Weile. 'Und was hat es, – ich meine Dein Bein, das Du geopfert hast, dem Vaterland gebracht?'
Hui, da hatte er aber eine offene Wunde berührt. Dem invaliden Onkel wird‘s im Stumpf geschmerzt haben.
'Junge, Du kannst Fragen stellen!'
In dieser Feststellung wiederholte sich Onkel Hermann nur, und es war klar, dass er keine Antwort wusste. Friedemann glaubte aber eine Lösung gefunden zu haben: 'Weißt Du, ich denke mir, entweder bist du ein Held, dann bist du tot, oder du lebst und dann hast du Glück gehabt.
Du lebst jetzt noch, aber ein Bein von Dir ist tot. Also bist Du beides. Einen glücklichen Helden will ich Dich nennen.'
'Verstehe, ich bin ein Held, um den man nicht trauern muss. Glück gehabt!' Onkel Hermann lachte selbstgefällig über seine gescheite Schlussfolgerung und schaute zu seiner Frau hinüber.
'Aber das Opfer Deines Beines', intervenierte Großvater, 'das war doch keine Heldentat. Du hast nur großes Pech gehabt. Schlimm genug. Zudem, ein verlorenes Bein für einen verlorenen Krieg, das nenn‘ ich tragisch.' ...